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Donnerstag, 15. Dezember 2016

Die Theologen-Filterbubble sprengen?

"Filterblase" ist Schweizer Wort des Jahres 2016. Meint: In sozialen Medien wird man einseitig informiert, weil der Algorithmus einem vor allem Artikel und Meinungen serviert, die zur eigenen Meinung passen. 

Ich vermute, auch theologisch gibt es eine Art "Filterbubble". Ich lese Bücher, Artikel und Blogs, höre Podcasts vor allem von Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich. Nur schafft mir kein Algorithmus diese Blase, sondern ich habe sie mir selber gebaut: vor allem über meine Twitter-Bekanntschaften, denen ich folge, weil sie für mich interessante Meinungen und Artikel posten.

Von Berufes wegen habe ich in meiner Twitter-Timeline auch katholisch-konservative Medien und ich folge der EDU. Ansonsten ist meine Filterbubble aber ziemlich homogen: Theologinnen und Theologen, die wie ich ursprünglich einen evangelikalen Hintergrund haben, der ihnen jedoch zu eng wurde. Oder aus dem sie rausgeflogen sind, weil sie homo- oder transsexuell sind. Frauen, die sich mit feministischer Theologie beschäftigen. 

Podcaster, die ihrerseits eine Gruppe von ähnlich gesinnten zeitgenössischen TheologInnen unter sich herumreichen: Peter Rollins, Sarah Bessey, N.T. Wright, Rachel Held Evans oder Greg Boyd. Karl Barth taucht bei ihnen häufig auf und neuerdings auch Dorothee Sölle. Darf ich vorstellen: meine "Theologen-Filterbubble".

Im Grundkurs Dogmatik an der Uni bekommen wir einen ganz groben Überblick über theologische Positionen der Vergangenheit. Wir hören sowohl, wofür Martin Luther stand, als auch Anselm von Canterbury. Doch was ist danach? Wenn mir niemand mehr Positionen von rechts nach links vorstellt, sondern ich selber dafür verantwortlich bin? Werde ich mich dann noch damit befassen wollen, warum jemand die Taufe heilsnotwendig findet, Argumente hören wollen, warum man Gott in anderen Religionen auf keinen Fall begegnen kann, oder Calvins Thesen zur Prädestination lesen? 

Werde ich als Theologin später ohnehin mit anderen Ansichten innerhalb der christlichen Theologie konfrontiert werden? Oder muss ich meine Filterbubble sprengen?

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Und das "Scheisse"-Emoji grinst auch noch so doof




Eines ist klar: Einfache Antworten (wenn ich denn überhaupt noch solche hatte) muss ich ganz schnell über Bord werfen. Die zählen im Theologiestudium nicht mehr und sind in Diskussionen ruckzuck aus dem Weg geräumt. Und dann steht man nackt da, wie der Kaiser, der gemeint hat, er trage neue Kleider. 

Antworten habe ich momentan nur noch wenige. Aber innerhalb des sicheren Uni-Kontexts fühlt sich das gar nicht falsch an. Stattdessen gibt es ja Thesen, es gibt Fragen, es gibt Beobachtungen und Debatten. Das reicht vorerst mal, so als Bademantel, man ist ja unter sich.

Ausserhalb der Uni wird es schwieriger. Bei meinen Grosseltern bei Schloorziflade und Blick auf den Säntis, zum Beispiel. Wenn die Oma fragt, was ich denn jetzt im Studium lerne, und gleich selber zu sprechen beginnt, statt auf meine Antwort zu warten. Es sei schwierig im Alter, wenn man nachts betet, flucht, schreit, und nichts gegen die Schmerzen hilft. Der Gott, an den man sein Leben lang geglaubt hat, sich nicht meldet. "Was dann, Evelyne?" Wie lange muss man das Leben so aushalten?

Nach dem langen WhatsApp der Freundin, deren Zukunft plötzlich völlig ungewiss ist. Ich will am liebsten gar nicht antworten, weil ich nicht weiss, was; und das "Scheisse"-Emoji grinst auch nur doof.

Oder jemand anderes, eine Freundin, über deren Leben ein so schwerer Schatten schwebt, dass ich nichts zu sagen weiss. Dass nur noch Tränen laufen. "So ist halt das Leben, jeder hat etwas zu tragen", sagt sie, und ich denke, nein, das reicht doch einfach nicht. Aber ich kann nicht mal sagen, "es kommt schon gut", denn das wäre nicht ehrlich.

Nur eine Antwort bleibt. Wie ein Tuch, das man eng um sich zieht, wenn man schlotternd aus kaltem Wasser steigt. Und eigentlich ist auch diese Antwort mehr eine Frage. 

Schüchtern, hilflos. Ist es okay, wenn ich bete. Wenn ich halt noch einmal bete um Gesundheit, um eine praktische Lösung. Im ehrlichen Eingeständnis, dass diese vielleicht nicht kommt. Und doch mit einem kleinen Funken Glauben an ein Wunder. Bitten um diese übernatürliche Kraft, die ein Licht ist im dunklen Tal, eine wärmende Flamme in der Kälte. Beten als Ausweg aus der Hilflosigkeit. Als das Einzige, was ich in einer solchen Situation zu geben habe, das Einzige, was ich zu sagen weiss; ein kleines Fenster der Hoffnung.

Dienstag, 13. September 2016

Wir "spirituell Obdachlosen"

Seit ich etwa 20 war, führe ich ein spirituelles Nomadenleben. 

Meiner Zeit am Gymnasium folgten Jahre, in denen ich mich nicht als gläubig bezeichnet hätte. Ich hatte die Nase voll von einer Kirche, die vor allem Normen und Regeln verkörperte, und von einem Gott, den ich nicht hörte, geschweige denn verstand. Mitte zwanzig gab ich ihm nochmal eine Chance - aber ohne den ganzen Ballast von Gemeindealltag, christlichen Lebenshilfe- und Andachtsbüchern und vor allem ohne den Druck, mir das Label "Christin" anzukleben. 

Langsam fand ich wieder zu einem Glaubensleben. Es ist nicht mehr das gleiche wie zuvor - zum Glück: Ich habe die Freiheit, auf dem Weg zu sein und herauszufinden, was der Glaube für mich bedeutet. Ich sehe ihn als Prozess und nicht als Dogma. Ich teile mein Leben mit Menschen, mit denen ich diskutiere. Mit manchen bete ich auch. Manchmal besuche ich in die Kirche vor Ort, der ich sogar als Mitglied beigetreten bin. Aber meine "Kirche" ist ein Netzwerk von Menschen, die sich an völlig unterschiedlichen Orten befinden.

Viele aus meinem Freundeskreis haben eine ähnliche Geschichte. Ihr habt Enttäuschungen erlebt in Kirchen, habt Zweifel an Gott und Mühe mit vielen von den Leuten, die sich in der Öffentlichkeit als Christen positionieren. Und trotzdem ist da etwas, was euch nicht loslässt an dieser Sache mit Gott. Im englischsprachigen Raum nennt man uns "De-Churched", "Entkirchlicht"; oder "spiritual homeless", "geistlich Obdachlose". Menschen mit einem "Post-traumatic Church Syndrome" (Reba Riley) trifft es auch ganz gut.

Die Feuerstellen, die uns "spirituell Obdachlosen" wärmen, und die Gassenküchen, in denen wir uns treffen und Nahrung bekommen, befinden sich vor allem im Internet. Es sind in den letzten zwei Jahren einige Podcasts für Leute wie uns entstanden ("The Liturgists", "Red Letter Christians", "The Deconstructionists", "Homebrewed Christianity"). Dass ihre Hörerzahlen in kürzester Zeit explodiert sind und die Macher völlig überrumpelt wurden von der Resonanz, zeigt, wie gross diese Minderheit der "De-Churched" ist. Auch etablierte Kirchen begreifen es langsam: Sie machen sich auf den Weg aus den Kirchengebäuden heraus, um Menschen dort zu begegnen, wo sie sind (Fresh Expressions of Church). Ohne den Willen, sie zurück in die Kirchengebäude zu bringen.

Es sind einzelne Beispiele für eine "grass roots"-Bewegung, die langsam in Gang kommt. Raus aus den Kirchen, aus den etablierten Traditionen, in Richtung einer neuen Reformation. Ich glaube, das ist die Zukunft der Kirche. Und wenn man bedenkt, dass auch der Gründer dieser ganzen Christentums-Sache ein Obdachloser war, der ein Nomadenleben führte, ist das wohl der richtige Weg.

Freitag, 26. August 2016

Der Weg durch den Nebel


Im Archiv meines Laptops bin ich auf einen freien Text von Juni 2014 gestossen. Er gefällt mir sehr und ist für mich in der momentanen Situation, wo ich unmittelbar vor dem Beginn eines Theologiestudiums stehe, umso interessanter. Vielleicht auch ein Mutmacher für jemand anderen.



"Das richtige Leben braucht so viel Mut.

Ich stehe an einer Kreuzung, mit verschiedenen Wegen, die von mir wegführen. Alle in die Zukunft, aber alle woanders hin. Und alle verlaufen im Nebel. Es ist ein faszinierender Nebel, mit Klängen, die mich locken, mit Ästen, Steinen, goldenen Kuppeln, die hin und wieder scharf zu sehen sind. Meine Schuhe haben nasse Ränder. In meinem Rucksack sind Laub, Haselnüsse, Federn. Papier und Tinte. 

Es ist weniger ein Ruf, als eher ein Gezogen-werden: Ich würde gerne predigen und schreiben. Wenn ich es mir laut überlege, schüttle ich unwillkürlich den Kopf und frage mich, woher ich den Schneid nehmen würde, dies umzusetzen. Gleichzeitig ist da eine Lust in mir, die mich freudig kitzelt und die ich nicht ersticken will. Ich erkläre es mir mit dem Wunsch, mich mit theologischen Fragen zu beschäftigen, mir eine Meinung zu bilden und diese mitteilen und diskutieren zu können. Gemischt mit der genussvollen Herausforderung, vor Leuten zu reden. 

Nun die drei Fragen: Wann, wie und wo kriege ich das nötige Rüstzeug her? Ich halte aktiv die Augen offen, schaue mir Curricula an und Ausrichtungen der verschiedenen Schulen. Gleichzeitig weiss ich, dass ich von meinem Beruf nicht einfach weg kann. Und nicht weg muss. Ich bin mir sicher, hier noch für eine ganze Weile am richtigen Ort zu sein. Deswegen warte ich ab, welche Tür sich öffnen wird. Und bereite meine Seele vor.
Ich lebe im Hier und Jetzt so, dass ich nichts bereuen muss. Halte die Ohren meines Herzens offen, damit ich es nicht verpasse, wenn der entscheidende Anstoss kommt. Überlege um die Ecke, wie Studium und Beruf irgendwie vereinbar wären. Und versuche auszuloten, zu welcher Aufgabe genau es mich zieht und was für Qualifikationen ich dafür brauchen werde.

„Have you ever thought of being a pastor?“ – die Frage eines Missionars-Freundes blieb hängen. Pastorin – Hirtin. Jemand, der sich um andere Menschen kümmert, sie ernst nimmt, für sie sorgt und vorangeht. Als ich von einem halben Jahr in Laos nach Hause kam, zog ich wie ein Magnet Freundinnen und Freunde an, die im Glauben Sorgen haben. Ich bin eine gute Zuhörerin, kann aber auch Ratschläge geben aus meiner eigenen Erfahrung und aus dem, was ich von Gott zu hören meine. Auch wenn ich theologisch im Vergleich mit anderen eine Anfängerin bin. Ich nehme mich als gesegnet wahr. Gleichzeitig will ich demütig bleiben, nicht meinen, es besser zu wissen. Aber momentan tauche ich auf aus dem Meer meiner evangelikaler Prägung und atme Luft und Sonnenstrahlen, die meine Perspektiven umkehren. Plötzlich eröffnen sich Antworten, in einer bestechenden Einfachheit. Nur durch das Infragestellen einiger evangelikaler Vorstellungen und durch kontextuelles Lesen der Bücher der Bibel. 
 
Ein Beispiel: Viele evangelikale Christen halten daran fest, die Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. Es scheint in Freikirchen sogar eine Mehrheit zu sein, denn gegen aussen ist dies die Lehrmeinung. Natürlich lässt auch die Wissenschaft Fragen offen und schüttet mit der Leugnung eines kreativen Gottes das Kind mit dem Bade aus. Aber gleichzeitig widerstrebt es mir zutiefst, einem Schöpfungsmythos 1:1 zu glauben, der erst über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde, von Menschen, die sich die Physik der Welt mit den Mitteln der Narration erklärten. Jahrelang sagte ich, niemand könne genau wissen, wie die Welt entstanden ist. Aber es spiele für mein Leben, für meine Gottesbeziehung ja auch keine Rolle. Heute bin ich weniger vorsichtig, sondern weiss zumindest, was ich nicht glaube und warum nicht.

Oft passiert es mir, dass ich mir Gedanken mache, die in eine bestimmte Richtung gehen. Mir Dinge zu erklären und Fragen zu beantworten suche. Und dass ich dann von jemand Gebildetem, Reifem genau in dieser Zeit etwas höre, was meine Gedankengänge in kompakter, nachvollziehbarer Form auf den Punkt bringt. Zum Beispiel die Sache mit Gottes Plan. 

Als meine Mutter vorletztes Jahr schwer erkrankte, stellte ich mir nur kurz die Frage nach dem Warum. Ich war längst zu der Überzeugung gelangt, dass schlimme Dinge einfach passieren (zufällig, könnte man zugespitzt sagen), und zwar Christen wie Nichtchristen. Der Glaube schützt nicht vor Krankheit, vor dem Verlassenwerden, davor, Opfer von Fehlern anderer zu werden. (Ich bin aber überzeugt davon, dass Gott aufgrund von Gebeten manchmal Wunder tut, Krankheiten heilt und entgleiste Tatsachen zu einem guten Ende bringen kann.) Diese Auffassung von Schicksalsschlägen widerspricht aber der Theorie, dass Gott für das Leben seiner geliebten Kinder einen perfekten Plan hat. Dass nichts geschieht, was nicht von ihm als Chance oder Lektion bewusst in unseren Lebensteppich gewoben wurde. 

Schlimme Dinge passieren. Wir können sie – an Gottes Hand durchs Leben gehend – im besten Fall als Chance oder 'Lehrblätz' gebrauchen. Bei einem richtig harten Schicksalsschlag ist dies aber von einem Menschen zu viel verlangt. Dann hilft uns nur die Gewissheit, dass Gott mit uns leidet. Er weint mit uns darüber, dass die Welt zur Zeit negativen Mächten ausgeliefert ist, die sich zum Ziel gesetzt haben, Chaos, Hass und Zerstörung in das Leben jedes Einzelnen zu bringen. 

Dieses Gerüst zimmerte ich mir aus meinen eigenen Erfahrungen zusammen. Dann sah ich ein kurzes YouTube-Video von Greg Boyd, in dem er das Konzept des „Open Theism“ erklärt. Ein Leben mit Gott als Feld voller Möglichkeiten, anstatt als Leben möglichst nahe an einem perfekten Plan entlang. Mit Boyds Aussagen nahm in den Strukturen meines Gedankengerüsts eine zusammenhängende Theorie Form an.

Fragen wie jene, warum sich trotz Gottes Liebe und Schutz unvermeidbar dunkle Fäden in unseren Lebensteppich weben, sind elementar. Umso mehr drängt es mich, Dinge, die ich als Erkenntnisse erfahre, als logische Erklärungen, anderen mitzuteilen. Und da ich mich nicht auf das dünne Eis des Behauptens begeben will, muss ich mir theologisches Hintergrundwissen aneignen. Ich bin gespannt darauf, wohin dieser Weg mich führen wird." 

Mittwoch, 20. Juli 2016

Predigen ohne Penis

Nun habe ich sie zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren: die christliche Diskriminierung gegen Frauen. 

Subtil eingewoben in ein Feedback auf eine Übungspredigt. - Man müsse bei meinem Textentwurf korrekterweise von einer Bibelarbeit sprechen, nicht von einer Predigt, da höchst umstritten sei, ob Frauen gemäss der Bibel überhaupt predigen dürfen.

Ich war überrascht, wie stark es mich getroffen hat. Wie schmerzhaft dieser feine Stich war. Ich war nicht darauf vorbereitet. Sondern war davon ausgegangen, dass mich dieser Theologe genau gleich behandeln würde wie alle übrigen Theologiestudierenden. 

Nun befasse ich mich seit Jahren mit dieser Problematik. Vielleicht ist es also gut, es selber einmal erlebt zu haben. Ich möchte schreiben, "Opfer geworden zu sein", und eigentlich fühlt es sich auch so an. Ich fühlte mich hilflos, denn ich hatte keine Chance, mich zu verteidigen: Der Theologe hat Jahrzehnte von Bibel- und Literaturstudium hinter sich, hat offenbar zum Thema Frauenpastorat auch schon Arbeiten veröffentlicht und kann mich in Grund und Boden argumentieren. 

Ich hätte noch so eine gute Predigt schreiben können, ich würde nie gut genug sein, um sie in seinen Augen auch so nennen zu dürfen. Nur, weil ich keinen Penis habe. Was ja, ähm, für mich auch sehr gut ist so. Merken diese Menschen nicht, wie absurd ihre Argumentation ist? 

Update: Die Ausbildungsstätte hat die Zusammenarbeit mit dem betreffenden Dozenten eingestellt.

Montag, 13. Juni 2016

"What would you do if you weren't afraid?"

Und natürlich dann immer die Frage: "Wie wirst du dir das Studium denn finanzieren?" Well - ja, gute Frage. So viel verdient man als Journalistin ja auch nicht, als dass ich mir jetzt ein lockeres Studentenleben machen könnte. Mit meinem Ersparten komme ich wohl zwei, drei Semester über die Runden. Um ehrlich zu sein, die Geldfrage bringt mich schon manchmal um den Schlaf.

Dann dreht es in meinem Kopf, ich sehe vor meinem inneren Auge die Zahl auf dem monatlichen Kontoauszug drastisch kleiner werden und frage mich, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, meinen Job zu kündigen. Die Sicherheit aufzugeben. Warum kann es nicht simpel sein, ich völlig glücklich und erfüllt mit meiner Arbeit und keinerlei Ansprüche, mich mehr weiterzubilden als alle zwei Jahre ein Journalistenkürsli am MAZ. Warum reicht mir dieses theologische Basics-CAS nicht, das ich jetzt noch zu Ende führe? Warum muss es unbedingt mehr sein? Dann bin ich so halb wütend, ja, irgendwie auf Gott, weil er mich so gestrickt hat. Ich fühle mich ausgeliefert, denn es wäre einiges einfacher, wenn da nicht dieses Brennen wäre. Die Lust, mehr zu lernen und mehr zu wissen. Und gleichzeitig bin ich genau deswegen auch zutiefst überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist.

Eine Strategie für diese Momente: Kurz bevor ich meine Kündigung eingereicht habe, habe ich ein kleines, leeres Buch zum "Mutbuch" gemacht. Dort schreibe ich all die starken, positiven Gedanken hinein, ermutigende Gespräche, Tweets, Zitate. Ein Bibelvers, eine Begegnung, ein Gedicht. Dinge, an denen ich mich festhalten will, wenn die Sorgen Überhand nehmen oder das Konto ins Minus kippt.

Das Zitat stammt aus dem Buch
"Lean in" von Sheryl Sandberg.

"What would you do if you weren't afraid?"

"18.4.: Angemeldet an der Uni. Die Entscheidung steht fest."

"6 Jahre Studium - aber noch 30 Jahre Arbeitsleben." Und bei dieser Seite hoffe ich beim Durchblättern ganz, ganz leise, dass mich dann nicht fünf Jahre nach dem Master wieder so eine verrückte Idee packt und mich um den Schlaf bringt.

Sonntag, 5. Juni 2016

Jetzt oder nie

Eigentlich ist es völlig unvernünftig. Anfang Dreissig schmiedet man für gewöhnlich andere Pläne, als nochmals ein volles Studium in Angriff zu nehmen. Aber vielleicht ist gerade deshalb der richtige Zeitpunkt: Jetzt oder nie. 

In einem sehr hellen Moment in einer ziemlich dunklen Bar sagte ich bereits vor drei Jahren zu einer Freundin, dass ich irgendwann noch Theologie studieren werde. Und in der Zwischenzeit hat sich herauskristallisiert: Ich kann nicht anders. Das Teilzeit-Nachdiplom-Basis-AT-NT-Fernstudium, das ich vor einem Jahr angefangen habe, hat die Lust auf Wissen, Thesen und Debatten nicht gestillt. Sondern es hat mir vollends den Ärmel reingenommen. Bei Interviews mit TheologInnen wurde aus "Spannend, was die alles wissen" langsam, aber sicher: "Wow, da will ich mitreden können!". Und wenn ich mir vorstellte, am Montag, 19. September ganz normal meiner Arbeit nachzugehen, während an den Universitäten das Semester beginnen würde - ohne mich! -, stellte sich etwas in mir auf die Hinterbeine. Ich will nicht irgendwann zurückblicken und feststellen müssen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe.

Also kratze ich meinen gesamten Mut (und mein Erspartes...) zusammen. Ab Herbst werde ich Hebräisch und Griechisch lernen und Vorlesungen mit Titeln wie "Grundkurs Dogmatik" und "Antikes Christentum I" besuchen. Ich werde herausfinden, ob die Theologische Fakultät der Uni Zürich auch modernere Hilfsmittel als Hellraumprojektoren führt, und versuchen, noch ein bisschen mehr nützliches über "Evernote" herauszufinden. 

Ich habe mir vorgenommen, hier wieder etwas regelmässiger zu bloggen. Feel free to comment (auch auf Twitter!). Tipps von gestandenen Studierenden und Inputs von angefressenen TheologInnen sind herzlich willkommen. 

Mittwoch, 22. Juli 2015

Ist Kinderkriegen eine Falle?

Ich besitze eine Unmenge von Büchern. Bei den letzten beiden Umzügen sind jeweils etwa drei Dutzend rausgeflogen, in die Bücherbrocki. Viele sind geblieben. Und neben "Grimms Märchen" aus meiner Kindheit und einigen Romanen, an denen Erinnerungen hängen, ist eines meiner liebsten Bücher "Wahnsinns Frauen".

Es sind Biografien von kreativen, hochbegabten Frauen, die von ihrem Umfeld als "wahnsinnig" eingestuft wurden. Vermutlich waren einige unter ihnen tatsächlich psychisch labil veranlagt. Andere wurden es, weil sie von ihrer Familie, ihrem Mann oder von der Gesellschaft unterdrückt wurden. Nachdem ich die vielen Biografien zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mir eines versprochen: Ich werde mich niemals von einem Mann einsperren lassen. Weder gedanklich, emotional, noch physisch.

Das Buch hat mich sensibilisiert, auch wenn die beschrieben Frauenschicksale (in Band 1 der Reihe "Wahnsinns Frauen") in der Vergangenheit schon einiges zurück liegen.

Vielleicht hat mich das Buch aber auch etwas traumatisiert. Das seelische Leiden der beschriebenen Frauen, das bei manchen zur Geisteskrankheit führte und bei einigen sogar bis hin zur Flucht in den Suizid, hat mich berührt. Und ich fühlte mich ihnen beim Lesen verwandt: Auch wenn ich mir nicht anmasse, auch nur annähernd so kreativ oder querdenkend zu sein wie sie, gehört eine gewisse intellektuelle Seite zu mir.

Ich habe im Gegensatz von vielen der "WahnsinnsFrauen" das Privileg, dass ich mein Leben frei gestalten kann. Ich bestimme selber, wovon ich mich vereinnahmen, "einsperren" lasse, und wie ich gewissen Dingen auch entgehen kann. Nun bin ich in einem Alter, in dem sich langsam die Frage stellt: Kinder, ja oder nein?
Und mit der Kinderfrage fühlt es sich an, als schwebe ein Damoklesschwert über meinem Kopf.  

Einerseits bin ich überzeugt und höre dies auch immer wieder von Eltern, dass es die ganze Mühe wert ist, Kinder grosszuziehen. Dass sie einen Dinge lehren und das Leben auf eine Weise bereichern, die unvergleichlich ist. Andererseits lese ich praktisch jede Woche Artikel wie diesen, diesen oder diesen, in denen mir vor Augen gehalten wird, wie schwierig und stressig und eigentlich unmöglich es ist, Eltern zu sein und gleichzeitig glücklich. Ich sehe die Eltern in meinem Umfeld, die mit Terminen, Gegenständen und Wünschen jonglieren. Die keine Zeit mehr dafür haben, ein Magazin zu lesen, die Rätsel in der Sonntagsausgabe der Zeitung zu lösen, zu bloggen, Filme anzuschauen. Bei einigen sehe ich, dass es klappen kann - aber nur mit einer minutiösen Organisation und der Hilfe von engagierten Grosseltern.

Ich fürchte mich vor dem „Eingesperrtsein“.
Frage mich, ob dieser Gedanke egoistisch ist. Ich denke an die "Wahnsinns Frauen" und an die "starken Frauen in der Kirche", meine Vorbilder, von denen viele keine Kinder haben. Ich habe Angst, nicht belastbar genug zu sein für das Mutter-sein. Nicht relaxed genug, um mir Freiheiten herauszunehmen, zum Beispiel Zeit zum Lesen. Und dass ich es mir mit der Entscheidung für Kinder verunmöglichen würde, beruflich Freude und Erfüllung zu behalten.

Denn ich möchte mich mein Leben lang weiterbilden. Nicht nur praktisch, emotional, im Leben mit einer Familie. Sondern auch intellektuell; mir Wissen aneignen, eine Meinung bilden und im Beruf auch Meinungen zu debattieren. Deswegen fürchte ich mich davor, in eine Falle zu tappen. Feststellen zu müssen, dass Eltern-sein vor allem belastend ist und nicht erfüllend. Dass es mit der Rollenteilung nicht so klappt, wie man es geplant hat. Und nicht zuletzt auch, dass mein Engagement für die Freiheit und Stärke der christlichen Frauen zerbröselt und ich mich selber enttäusche.

Aber was wird am Ende zählen? Welche Kompromisse sind akzeptabel? Und wo sperre ich mich selber ein? Ich frage mich, wie andere Frauen dies tun, die ähnlich funktionieren wie ich: Die Rolle als Mutter integrieren in die Persönlichkeit, ins Leben, ohne die wichtigsten anderen Teile zu verlieren. Momentan kann ich die Entscheidung noch vor mir her schieben. Aber irgendwann wird sie konkret - und dann will ich sie mit Überzeugung treffen können. 

Der Blogpost wäre eigentlich hier zu Ende. Bevor ich ihn veröffentlicht habe, stiess ich auf dem Blog "More than pretty" auf den Text "Berufung leben mit Kindern?" (Teil 1 und Teil 2). Was für eine Erleichterung: Ich bin nicht die einzige Frau, die sich diese Sorgen macht! Und Doris Lindsay erzählt hier aus eigener Erfahrung, wie sie ihren Weg auch mit Kindern konsequent weiter gehen konnte.

Freitag, 27. Februar 2015

It's all in your head

Als Pastorentochter weiss ich, wie das Leben einer Pfarrersfrau aussieht. Nur so viel: Man muss gut Nein sagen und Kritik aushalten können, oder arbeitet (notabene unbezahlt) mindestens 50% mit. 

Zumindest bei den Pfarrersfrauen in der Generation meiner Mutter wurde das auch so erwartet. Heute sieht es hoffentlich anders aus. Und nicht nur das. Heute stellt sich auch die Frage, wie es sich eigentlich umgekehrt verhält: Wenn die Frau Pastorin ist. 

Screenshot mafemmeestpasteure.ch

Die neue Webserie "Ma femme est pasteure" aus der Romandie behandelt genau diese Frage. "Ich habe mich", sagt Thomas, "in ein Mädchen verliebt, die Beyoncé sein wollte, die nebenbei im Thai-Restaurant jobbte, ans andere Ende der Welt reiste und eher sozialistische (wenn nicht kommunistische) Ideen hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Gott im Bett sein würde..." 

Realsatire pur: Er möchte sie abends im Bett für sich haben, während sie sich lieber noch Notizen für ihre morgige Predigt hat. Er verteilt in der Kirche noch schnell die Sitzkissen, sie testet das Mikrofon für den Gottesdienst. Ganz selbstverständlich gehört er dazu, obwohl man ihn gar nie gefragt hat... 

Lange wurden wohl auch die vielen Pfarrersfrauen in der Schweiz nicht gefragt. Sondern man stellte den Pastor sozusagen "+1" an, ging davon aus, dass das Ehepaar die Arbeit für die Kirchgemeinde als geteilte Berufung ansah. Vielleicht ist es auch in einigen Fällen so - aber so selbstverständlich? Vor allem bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Frau Pfarrer gegen aussen auch eine moralische Vorbildfunktion ein, weil sie ständig unter Beobachtung stand. 

Witzig, dass nun eine zeitgenössische Webserie dies thematisiert und auf die Schippe nimmt. Und witzig, wie absurd es wirkt, wenn ein Mann seine Frau in ihrem Beruf praktisch unterstützt, weil wir es uns einfach andersrum eher gewohnt sind und wir Frauen uns heute gegen diese Selbstverständlichkeit wehren: "Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau" - und umgekehrt?

Die erste Episode ist heute online, die anderen sollen ab 4. März folgen. Geplant sind 20 Folgen à 2 Minuten. Mitproduziert übrigens von der reformierten Kirche Genf und Waadt.

Et voilà! http://www.20min.ch/ro/entertainment/dossier/femmepasteure/story/Un-mari-exploite-par-une-religieuse-14280367 

Update: Mein Beitrag dazu - mit einem echten Pfarrerinnen-Mann - auf lRadio Life Channel.

Hier noch ein Interview mit den Machern Caroline und Victor Costa, bei ref.ch. 

Zum Thema passt übrigens glänzend dieser Blogeintrag: "Werkzeugkasten".

Sonntag, 15. Februar 2015

"More Than Pretty"

Frisch, echt und lesenswert: Der neue Blog "More than Pretty". Dort schreiben Frauen, die in der christlichen Szene Leitungspositionen innehaben, ehrlich aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Wie es sich anfühlt, Familie und Leiterschaft zu kombinieren. Wie es als Single-Frau ist, die eigene Berufung treu zu leben. Wie Leiterschaft als Frau aussieht - hinter der Fassade, welche Erlebnisse herausfordern und welche ermutigen. Danke und Kompliment an Doris Lindsay und ihr Team für diesen tollen, positiven neuen Blog! 

www.morethanpretty.net

Sonntag, 7. Dezember 2014

Das "Shabby-Chic"-Biotop


Sie haben's schon wieder getan. "Studientage für dich und deine Kirche", heisst es in der Ausschreibung des neusten freikirchlichen Events in der Schweiz. Wohl vorausgesetzt, "deiner Kirche" sind Frauen egal. 

Als ich diese Woche das Programm der Konferenz "Elevate 2015" mit der rein männlichen Speakerliste sah, bin ich ziemlich wütend rüber ins Büro meiner Redaktionskollegen gestampft. "Ich darf ja dieses Thema wegen Befangenheit nicht mehr machen", sagte ich ihnen, "aber würde BITTE jemand von euch einen Beitrag darüber machen? Das. Geht. Einfach. Nicht.

Zurück an meinem Schreibtisch versuchte ich, meinen Ärger zu drosseln und das Beste aus der Situation zu machen: Ich schlug der SEA (Schweizerische Evangelische Allianz) per Mail vor, eine Frauenbeauftragte einzustellen. Denn offenbar geht es nicht ohne. Es steckt kein böser Wille hinter dem Problem (meistens zumindest), sondern blosse Ignoranz: Den meisten christlichen Leitungsgremien fehlt das Bewusstsein für Chancengleichheit.

Mit solchen Events raubt man(n) Frauen Chancen. Es geht nicht um die Einzelveranstaltung, sondern um eine grössere Perspektive: Rednerinnen und Redner sind die "Stars" der Szene, die Inspiratorinnen und Visonäre. Und ihre Namen ziehen Publikum an. Es ist wie bei den Bands an Festivals: Wer einmal gut war und das Publikum mitreissen konnte, wird wieder eingeladen. Nicht nur dort, auch von anderen. Wenn keine Frauen auftreten, ist dies also gleich doppelt fatal: Erstens, weil der betreffenden Konferenz dann etwas fehlt und zweitens, weil keine neue Frau in diesen "Zirkus" der christlichen Speaker eingebracht wurde. 

Damit stellen sich zwei Fragen.

1. Warum ist man da nicht schon viel weiter? 

Und 2. Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? 


Warum ist es noch nicht normal, dass an christlichen Konferenzen Frauen sprechen und predigen? Mein Redaktionskollege, der sich des Themas angenommen hat, bemerkte, dass die meisten Frauen das offenbar selber gar nicht vermissen. Deswegen geht auch niemand auf die Barrikaden, und deshalb geht der Wandel auch so langsam. Obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Kirchenmitglieder ausmachen, leben sie in einer Art Biotop. Ein Biotop, an dessen Eingang ein Schild "Wohlfühlen und Auftanken" hängt, liebevoll in trendy "Shabby Chic"-Stil dekoriert ist und wo man Chai-Tee trinkt und vielleicht hin und wieder einen Hugo. Wenn der Mann an einem Abend mal die Kinder übernimmt; er isch jo so en Guete. Innerhalb dieses Biotops gibt es reichlich Vorbilder und bewundernswerte Frauen. 

Frauen wie Lisa Bevere, Autorin von Büchern wie "Lioness: Arise!" und "Girls With Swords"; zum Beispiel. Die eigentlich eine kämpferische, motivierende Message beinhalten und im Frauen-Biotop auf fruchtbaren Boden fallen, viel gelesen werden, aber wohl auch innerhalb dieses Biotops bleiben. Denn immer ist das Frau-Sein das zentrale Thema. "Was ist meine Rolle?" - "Was ist meine Berufung?" Solange es dieses "Shabby-Chic"-Biotop noch gibt und Frauen sich so absondern, geht es nicht um übergeschlechtliche Inhalte. Und Männer merken nicht, dass Frauen auch zu frauenunabhängigen Themen valable Speaker sind. 

Ich mag Frauenfrühstücke und Ladies Events. Und gerade für Mütter sind solche Anlässe wohl sowas wie Ausgang - erfrischend und eine Abwechslung. Es ist gemütlich, unter Frauen zu sein. Und das ist der Punkt - es ist zu gemütlich. Das Frauen-Biotop gehört abgeschafft. Denn solange es diesen geschützten Rahmen im grossen Stil gibt, schliessen wir uns selber von den Bühnen der geschlechter-übergreifenden Veranstaltungen aus.

Womit wir bei der zweiten Frage sind, die ganz einfach zu beantworten ist: Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? Weil Frauen genauso etwas zu sagen haben wie Männer. Und, langfristiger gedacht: Weil junge Frauen Vorbilder brauchen, die ihnen zeigen, dass auch sie den Mund aufmachen dürfen und sollen. Und zwar nicht nur im Frauen-Biotop - auch vor einem gemischten Publikum.
 
Lisa Bevere war übrigens zusammen mit ihrem Mann Key Speaker an der ICF-Konferenz vor zwei Jahren - es geht also. Es gibt positive Beispiele, gerade bei progressiven Freikirchen. Auch deshalb war ich enttäuscht über das Line-Up von "Elevate 2015": Organisiert wird die Konferenz nämlich vom ICF, ICF College und ISTL, Institutionen, die gegen aussen progressiv und modern wirken.

Raus aus dem Biotop, Frauen. Und Männer: Kämpft mit uns mit für mehr Frauen auf christlichen Bühnen. Ich glaube, ihr hättet da gar nichts dagegen.

Kommentare sind sehr willkommen, hier (noch) bei Blogger aber etwas schwierig. Wenn's nicht geht, besser auf meiner Facebook-Seite, auf Twitter, Mail oder Kontaktformular links auf dieser Seite.

Update: Begründung von ICF zu den fehlenden Frauen im Programm von "Elevate15": 

"Wir haben im ICF grundsätzlich keine 'Frauenquote' sondern laden Speaker ein - egal ob Mann oder Frau - die zum jeweiligen Event und Thema passen. Es ist aber halt schon so, dass vor allem Männer in dieser Domäne vertreten sind (ist ja bei uns im Staff auch so). Ich denke mal, dass in christlichen Kreisen halt das 'traditionelle' Familienbild mit der Frau zu Hause bei den Kids überwiegt." (Nicolas Legler, Mediensprecher ICF)


Dienstag, 18. November 2014

Krieg und Frieden

Zwei weise Männer haben mich mit ihren Worten in der letzten Woche getroffen - und verunsichert. Zwei Gelehrte, Theologen - und Friedensstifter. 

Der eine ist Greg Boyd, amerikanischer Theologe. Ihn durfte ich dieses Jahr in einer Summer School live erleben und von ihm lernen. Und - natürlich - ein kurzes Interview mit ihm führen für Radio Life Channel. Als ich dieses heute wieder gehört und für einen Beitrag geschnitten habe, hat es mich berührt. Thema des Beitrags ist die tiefe Spaltung der Kirchen in den USA über Themen wie LGBT, Empfängnisverhütung, Sozialwesen, Frauenrechte, Aussenpolitik... Ich habe Greg gefragt, ob es wohl möglich sei, über diese Kluft noch eine Brücke zu bauen. Er sagte: "Ja, wenn wir uns statt auf Politik wieder auf die Dinge konzentrieren, welche Jesus uns aufgetragen hat: Menschen zu lieben, wie er sie liebte, und uns für sie aufzuopfern, wie er das getan hat." 

Der zweite Theologe war Peter Henning, der bei ERF Medien letzte Woche einen Vortrag hielt. Auch hier ging es um eine Kirchenspaltung: Um die Reformation, die nun bald 500 Jahre her ist. Peter Henning zeigte uns in groben Zügen die Vorgänge auf, die zur Reformation führten und dazu, dass die Diskussionsvorschläge von Martin Luther einschlugen wie eine Bombe. Und: Er stellte einige Thesen auf, was die Reformation für uns als Medienunternehmen - abgesehen von Themen für Beiträge - bedeuten könnte. Einer der Punkte war, dass er uns riet, uns nicht an Schlammschlachten zu beteiligen. Konstruktive Beiträge dazu zu leisten, dass sich die Kirche eint, statt nur mit dem journalistischen Finger auf Missstände zu zeigen. 

Frieden stiften, praktisch im Alltag helfen, das berührte mich. Ich dachte darüber nach, wie das bei mir aussieht - im täglichen Leben, wo es sicher für jede und jeden Herausforderungen gibt mit Menschen, die Hilfe nötig hätten. Aber auch mit diesem Blog. Ich hinterfrage mein Anliegen immer wieder selber. Was will ich mit "Feminism - OMG!"? Ungerechtigkeit aufzeigen? Alternativen, Argumente sammeln? Ist mein Herzblut zum Thema "Frauen in der Kirche" aufrichtig, setze ich damit Zeit und Energie für eine gute, wichtige Sache ein? Irgendwie komme ich für mich immer wieder auf ein Ja zu all diesen Fragen.

Aber da ist noch das Kämpfen. Kämpfen statt Frieden stiften. Argumente liefern, die Fronten genauso gut noch tiefer trennen, als vereinen können.

Ich bin immer noch am Nachdenken darüber. Heute gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf: Auch Jesus war nicht ein Friedensstifter im harmonischen Sinne. Er besass einen starken Kampfgeist, in manchen Situationen Wut, die sich manchmal handfest äusserte, oft aber vor allem in scharfen Dialogen mit der damaligen gelehrten Elite, den Pharisäern.

Zweitens erinnerte ich mich an eine Bibelstelle aus dem Buch des Predigers.

"Alles hat seine bestimmte Stunde, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit; (...) Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit; Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit; (...) Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit; Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit; Krieg hat seine Zeit, und Frieden hat seine Zeit." (Prediger 3, 1-8, Quelle: www.bibleserver.com)

Ich will weder Krieg, noch Töten oder Hassen, was alles in dieser Bibelstelle vorkommt. Es wäre heikel, diese Stelle jetzt auseinanderzunehmen. Aber nur die Idee: Vielleicht ist für mich die Zeit jetzt da, gegen die Hindernisse anzuschreiben, die Frauen oft in den Weg gestellt werden, wenn sie ihre Berufung (Epheser 4,11) ausleben möchten. Warum dieses Feuer so in mir glüht, dazu habe ich eine vage Vermutung. Wohin das aber führt? Keine Ahnung. Ich hoffe aber, dass "Feminism - OMG!" zum Frieden beiträgt, zu Gerechtigkeit. Damit Frauen und Männer Schulter an Schulter genau das tun können, wovon Greg Boyd sprach, als er im Interview vom Auftrag von Jesus erzählt, anstatt sich gegenseitig ein Bein zu stellen.

Sonntag, 2. November 2014

Tania Harris: Leben in Kommunikation mit Gott


Heute habe ich eines meiner Vorbilder getroffen: die Australierin Tania Harris. 
Quelle: godconversations.com
Tania spürte Anfang 20 den grossen Wunsch, Gottes Stimme deutlich zu hören und herauszufinden, wie er zu Menschen redet. Auf ihrer persönlichen Reise hat sie dazu so viele Erfahrungen gemacht und so viel gelernt, dass sie vor einigen Jahren die Arbeit „God Conversations“ gründete. Ihr Ziel ist es, Menschen zu sagen, dass Gott heute noch spricht, und ihnen zu helfen, Gottes Stimme zu hören und zu verstehen.
In ihrem Podcast habe ich in den letzten zwei Jahren viel gelernt. Da ich oft und lebhaft träume und mich oft auch gut an meine Träume erinnere, hat mich auch ihr Hörbuch Awaken your dreams sehr angesprochen. Manchmal gibt es Träume, die anders sind, bei denen man merkt, dass darin etwas Hilfreiches für das eigene Leben verborgen liegt. Tania hat eine Art „Werkzeug“ entwickelt, mit denen man solche Träume ohne jeden Hokuspokus interpretieren kann. Im Moment geht sie in ihrem Podcast auf das letzte Buch der Bibel ein: die Offenbarung. Und da Johannes diese Vision als eine Art Traum hatte, geht sie die Offenbarung mit genau dem gleichen „Werkzeug“ an wie in „Awaken your dreams“. Eine theologische Vorgehensweise, die mich sehr fasziniert und in ihrer Unerschrockenheit angesichts dieses mysteriösen und umstrittenen Buches überzeugt.
Tania hat in ihrem Leben gelernt, auf Gott zu hören und im Vertrauen Schritte zu gehen, die zuerst absurd erscheinen. Aufgewachsen ist sie in einer sehr konservativen christlichen Gemeinschaft und war schockiert, als etwas später ihre neue Gemeinde eine Frau als Pastorin anstellte. Damit wurde sie auf ihre eigene Berufung als Pastorin vorbereitet. Heute ist neben den „God Conversations“ auch die Ermutigung von Frauen in leitenden Positionen bzw. auf dem Weg dorthin ein wichtiges Thema für sie. Tanias Geschichte, die sie in einer Folge ihres Podcasts erzählt hat, war für mich einer der Anstösse, „Feminism OMG“ zu starten.  
Mit ihrem Mut, ihrer Autorität, Intelligenz, ihrer Femininität und positiven Ausstrahlung ist sie für mich ein grosses Vorbild. Ein Vorbild, die eigene Berufung herauszufinden und ihr entlang der persönlichen Freundschaft mit Gott nachzugehen. Es war schön, Tania Harris heute im Rahmen einer Predigt in der GVC Uster persönlich zu treffen und mit ihr auszutauschen!

Donnerstag, 24. Juli 2014

"Feminism - Oh My God!"

I've felt the need to explain how I understand the term "feminism", and why I decided to use it in the name of my blog. The #FaithFeminisms synchronblog week gave me a reason to do that now.

Dieser Blogpost ist ausnahmsweise auf Englisch, weil ich ihn im Rahmen der "Faith Feminisms" (Glaube und Feminismus)-Blogwoche poste. Der Text ist inhaltlich eine grobe Übersetzung meines ersten Posts "Wo mein Herz schlägt".

I work as a journalist for a christian radio station. A few months ago, I covered a young leaders' conference. Looking through the programme of the weekend, it stroke me that none of the workshops and speeches - roughly a dozen - was held by a woman. During the interview with one of the promoters of the conference, I asked him about this. "Oh, I didn't even notice", he answered, and added defensively: "But anyway, we don't choose speakers because of their gender, but their competence and enthusiasm." 

How can a church hold a conference to inspire young leaders and ignore the women amongst those? Young women need role models; authentic, bright women they can identify with, in order to grow in their faith and develop leadership skills. 

This is not a minor issue. It's about making it clear to young women that they are gifted equally as men, that God calls them equally as men, and that the church needs them equally as men. If people "don't even notice" the lack of women opinion leaders (and, I'm sure, often this isn't even because they follow the complementarian concept of women and men in church, but just because they don't care), it's a shame.

This is not the only example I could tell. In my work, I find it difficult to find female interview partners in the evangelical sector. Much more than within the protestant church in Switzerland. Many christian women stop pursueing a career when they start a family - even today, and that's probably the main reason why they're often missing in boards of christian institutions and churches. They limit themselves to voluntary work instead of looking for senior and professional positions within the church. 

Sadly, I've also talked to several women who felt that it was their calling to study and teach, but who had trouble finding a job as a pastor. One lady even left her (evangelical) church because it wasn't accepted that she wanted to become a pastor, and joined the anglican church. I meet too many people who believe that Paul forbidding women in Ephesus to speak in church is still binding. And I am absolutely frustrated that the growing, modern church in my town still only employs male pastors based their association's interpretation of the famous 1 Timothy 2:11-12.

This is why I am a faith feminist.  

Feminism means to raise awareness for the lack of women on evangelical podiums. 

To encourage women to study theology, to preach, to become a pastor if they feel God calls them to. 

To eradicate the absurd fact that in some evangelical churches women are allowed to lead worship, teach children, teach adults in small groups, be a missionary, write books - but not to preach.

Feminism means urging churches to actively encourage women. And I'm not talking about the "You-Are-Beautiful-And-You-Are-Loved"-Seminars. I'm talking about hard core theology and intellectual discussions, about pastoral positions and church councils.

Feminism is about encouraging women to raise their voice and NOT remain silent in the churches. 

Freitag, 18. Juli 2014

Bischöfinnen in der Church of England

In der anglikanischen Kirche ist historisch bedingt einiges etwas lockerer geregelt als in der katholischen Kirche, von der sie sich 1529 abspaltete. So gibt es als Priester Männer und Frauen. Ein weiterer Unterschied zur katholischen Kirche: Sie dürfen erst noch verheiratet sein. Bisher gab es aber im europäischen Raum (bei der Mutterkirche, der "Church of England") für Frauen eine Grenze, die sie nicht überschreiten konnten: Bischöfe durften nur Männer werden. Diese Woche wurde dies nun geändert, und wahrscheinlich wird Anfang 2014 die erste Bischöfin der Church of England gewählt. 

Darüber habe ich einen Kurzbeitrag gemacht. Bei einem der Interviews während der Recherche erzählte mir meine Gesprächspartnerin ein spannendes Detail aus ihrer Biografie. Ihre Familie besuchte die anglikanische Kirche, doch als junge Frau wechselte sie zu einer evangelikalen Freikirche. Als sie die Berufung zur Pastorin verspürte, durfte sie dieser in ihrer Kirche nicht nachgehen: Frauen durften dort keine leitenden Positionen einnehmen. Deshalb verliess sie diese Freikirche wieder - und wechselte zurück in die anglikanische Kirche. 

http://www.erf-medien.ch/de/Glauben-entdecken/Leben-im-Alltag/Kirche--Gesellschaft/Church-of-England-laesst-neu-Bischoefinnen-zu
--> Kurzbeitrag auf Radio Life Channel:
"Die anglikanische Kirche lässt neu Bischöfinnen zu"