"Filterblase" ist Schweizer Wort des Jahres 2016. Meint: In sozialen Medien wird man einseitig informiert, weil der Algorithmus einem vor allem Artikel und Meinungen serviert, die zur eigenen Meinung passen.
Ich vermute, auch theologisch gibt es eine Art "Filterbubble". Ich lese Bücher, Artikel und Blogs, höre Podcasts vor allem von Menschen, die ähnliche Ansichten haben wie ich. Nur schafft mir kein Algorithmus diese Blase, sondern ich habe sie mir selber gebaut: vor allem über meine Twitter-Bekanntschaften, denen ich folge, weil sie für mich interessante Meinungen und Artikel posten.
Von Berufes wegen habe ich in meiner Twitter-Timeline auch katholisch-konservative Medien und ich folge der EDU. Ansonsten ist meine Filterbubble aber ziemlich homogen: Theologinnen und Theologen, die wie ich ursprünglich einen evangelikalen Hintergrund haben, der ihnen jedoch zu eng wurde. Oder aus dem sie rausgeflogen sind, weil sie homo- oder transsexuell sind. Frauen, die sich mit feministischer Theologie beschäftigen.
Podcaster, die ihrerseits eine Gruppe von ähnlich gesinnten zeitgenössischen TheologInnen unter sich herumreichen: Peter Rollins, Sarah Bessey, N.T. Wright, Rachel Held Evans oder Greg Boyd. Karl Barth taucht bei ihnen häufig auf und neuerdings auch Dorothee Sölle. Darf ich vorstellen: meine "Theologen-Filterbubble".
Im Grundkurs Dogmatik an der Uni bekommen wir einen ganz groben Überblick über theologische Positionen der Vergangenheit. Wir hören sowohl, wofür Martin Luther stand, als auch Anselm von Canterbury. Doch was ist danach? Wenn mir niemand mehr Positionen von rechts nach links vorstellt, sondern ich selber dafür verantwortlich bin? Werde ich mich dann noch damit befassen wollen, warum jemand die Taufe heilsnotwendig findet, Argumente hören wollen, warum man Gott in anderen Religionen auf keinen Fall begegnen kann, oder Calvins Thesen zur Prädestination lesen?
Werde ich als Theologin später ohnehin mit anderen Ansichten innerhalb der christlichen Theologie konfrontiert werden? Oder muss ich meine Filterbubble sprengen?
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Donnerstag, 15. Dezember 2016
Mittwoch, 26. Oktober 2016
Und das "Scheisse"-Emoji grinst auch noch so doof
Eines ist klar: Einfache Antworten (wenn ich denn überhaupt noch solche hatte) muss ich ganz schnell über Bord werfen. Die zählen im Theologiestudium nicht mehr und sind in Diskussionen ruckzuck aus dem Weg geräumt. Und dann steht man nackt da, wie der Kaiser, der gemeint hat, er trage neue Kleider.
Antworten habe ich momentan nur noch wenige. Aber innerhalb des sicheren Uni-Kontexts fühlt sich das gar nicht falsch an. Stattdessen gibt es ja Thesen, es gibt Fragen, es gibt Beobachtungen und Debatten. Das reicht vorerst mal, so als Bademantel, man ist ja unter sich.
Ausserhalb der Uni wird es schwieriger. Bei meinen Grosseltern bei Schloorziflade und Blick auf den Säntis, zum Beispiel. Wenn die Oma fragt, was ich denn jetzt im Studium lerne, und gleich selber zu sprechen beginnt, statt auf meine Antwort zu warten. Es sei schwierig im Alter, wenn man nachts betet, flucht, schreit, und nichts gegen die Schmerzen hilft. Der Gott, an den man sein Leben lang geglaubt hat, sich nicht meldet. "Was dann, Evelyne?" Wie lange muss man das Leben so aushalten?
Nach dem langen WhatsApp der Freundin, deren Zukunft plötzlich völlig ungewiss ist. Ich will am liebsten gar nicht antworten, weil ich nicht weiss, was; und das "Scheisse"-Emoji grinst auch nur doof.
Oder jemand anderes, eine Freundin, über deren Leben ein so schwerer Schatten schwebt, dass ich nichts zu sagen weiss. Dass nur noch Tränen laufen. "So ist halt das Leben, jeder hat etwas zu tragen", sagt sie, und ich denke, nein, das reicht doch einfach nicht. Aber ich kann nicht mal sagen, "es kommt schon gut", denn das wäre nicht ehrlich.
Nur eine Antwort bleibt. Wie ein Tuch, das man eng um sich zieht, wenn man schlotternd aus kaltem Wasser steigt. Und eigentlich ist auch diese Antwort mehr eine Frage.
Schüchtern, hilflos. Ist es okay, wenn ich bete. Wenn ich halt noch einmal bete um Gesundheit, um eine praktische Lösung. Im ehrlichen Eingeständnis, dass diese vielleicht nicht kommt. Und doch mit einem kleinen Funken Glauben an ein Wunder. Bitten um diese übernatürliche Kraft, die ein Licht ist im dunklen Tal, eine wärmende Flamme in der Kälte. Beten als Ausweg aus der Hilflosigkeit. Als das Einzige, was ich in einer solchen Situation zu geben habe, das Einzige, was ich zu sagen weiss; ein kleines Fenster der Hoffnung.
Montag, 19. September 2016
T -45 Minuten
Ich war mindestens eine Stunde verspätet, hatte unnötigerweise zwei Schultaschen gekauft (Schultaschen?!) und auf meinem Handy liess sich die korrekte Raumnummer nicht aufrufen, so dass ich in jedes Zimmer einen Blick werfen musste.
Check - der obligate Traum vom Zu-spät-kommen am ersten Studientag. Jetzt kann’s losgehen.
In 45 Minuten beginnt das erste Seminar. Ich fühle mich schon ein bisschen wie am ersten Schultag. Die „Gspänli“ habe ich schon mal gesehen, aber mit wem man sich dann schlussendlich anfreundet, weiss man ja jetzt noch nicht. Ich habe einen Leuchtstift und etwas Papier eingepackt, einfach für den Notfall oder vielleicht für im Hebräischunterricht, ich möchte eigentlich mein Studium so papierlos wie möglich gestalten. Evernote ist aufgeräumt und parat. Jaja, ich war schulisch schon immer recht fleissig, scho chli eine Streberin.
Der Junge im Abteil neben mir im Zug hat wohl heute auch seinen ersten Studientag. Frisch ab Matur, mit neuer Umhängetasche. An meinen allerersten Studientag an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, vor - ähm, rechnen - 12 Jahren? kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Die letzten Tage fühlte ich mich ein bisschen wie in einem Vakuum. Letzte Woche schloss ich noch das letzte Modul meines Fernstudium-CAS ab. Danach hatte ich irgendwie nichts mehr zu tun. Wo ich im Zug sonst immer ein Buch oder einen Text dabei hatte, das ich hätte lesen sollen, konnte ich jetzt ohne schlechtes Gewissen Hörbücher hören und Sudoku lösen. Gleichzeitig wusste ich, dass es ab heute happig werden wird, Hebräisch statt Hörbücher, und dass Ausschlafen und Sudoku dann nicht mehr drin liegen. Ja? Der Junge im Abteil neben mir löst gerade das schwierige Sudoku in 20 Minuten.
Am Wochenende gehe ich wandern. Zwei Tage, Hüttenübernachtung. Ob ich dann schon Wörterkärtchen im Rucksack mittragen werde? Oder noch ohne schlechtes Gewissen die Berge geniessen kann?
Check - der obligate Traum vom Zu-spät-kommen am ersten Studientag. Jetzt kann’s losgehen.
In 45 Minuten beginnt das erste Seminar. Ich fühle mich schon ein bisschen wie am ersten Schultag. Die „Gspänli“ habe ich schon mal gesehen, aber mit wem man sich dann schlussendlich anfreundet, weiss man ja jetzt noch nicht. Ich habe einen Leuchtstift und etwas Papier eingepackt, einfach für den Notfall oder vielleicht für im Hebräischunterricht, ich möchte eigentlich mein Studium so papierlos wie möglich gestalten. Evernote ist aufgeräumt und parat. Jaja, ich war schulisch schon immer recht fleissig, scho chli eine Streberin.
Der Junge im Abteil neben mir im Zug hat wohl heute auch seinen ersten Studientag. Frisch ab Matur, mit neuer Umhängetasche. An meinen allerersten Studientag an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, vor - ähm, rechnen - 12 Jahren? kann ich mich gar nicht mehr erinnern.
Die letzten Tage fühlte ich mich ein bisschen wie in einem Vakuum. Letzte Woche schloss ich noch das letzte Modul meines Fernstudium-CAS ab. Danach hatte ich irgendwie nichts mehr zu tun. Wo ich im Zug sonst immer ein Buch oder einen Text dabei hatte, das ich hätte lesen sollen, konnte ich jetzt ohne schlechtes Gewissen Hörbücher hören und Sudoku lösen. Gleichzeitig wusste ich, dass es ab heute happig werden wird, Hebräisch statt Hörbücher, und dass Ausschlafen und Sudoku dann nicht mehr drin liegen. Ja? Der Junge im Abteil neben mir löst gerade das schwierige Sudoku in 20 Minuten.
Am Wochenende gehe ich wandern. Zwei Tage, Hüttenübernachtung. Ob ich dann schon Wörterkärtchen im Rucksack mittragen werde? Oder noch ohne schlechtes Gewissen die Berge geniessen kann?
Freitag, 26. August 2016
Der Weg durch den Nebel
Im Archiv meines Laptops bin ich auf einen freien Text von Juni 2014 gestossen. Er gefällt mir sehr und ist für mich in der momentanen Situation, wo ich unmittelbar vor dem Beginn eines Theologiestudiums stehe, umso interessanter. Vielleicht auch ein Mutmacher für jemand anderen.
"Das richtige Leben braucht so viel Mut.
Ich stehe an einer Kreuzung, mit verschiedenen Wegen, die von mir
wegführen. Alle in die Zukunft, aber alle woanders hin. Und alle verlaufen im
Nebel. Es ist ein faszinierender Nebel, mit Klängen, die mich locken, mit
Ästen, Steinen, goldenen Kuppeln, die hin und wieder scharf zu sehen sind.
Meine Schuhe haben nasse Ränder. In meinem Rucksack sind Laub, Haselnüsse,
Federn. Papier und Tinte.
Es ist
weniger ein Ruf, als eher ein Gezogen-werden: Ich würde gerne predigen und schreiben. Wenn
ich es mir laut überlege, schüttle ich unwillkürlich den Kopf und frage mich,
woher ich den Schneid nehmen würde, dies umzusetzen. Gleichzeitig ist da
eine Lust in mir, die mich freudig kitzelt und die ich nicht ersticken will.
Ich erkläre es mir mit dem Wunsch, mich mit theologischen Fragen zu
beschäftigen, mir eine Meinung zu bilden und diese mitteilen und diskutieren zu
können. Gemischt mit der genussvollen Herausforderung, vor Leuten zu reden.
Nun die drei Fragen: Wann, wie und wo kriege ich das nötige Rüstzeug
her? Ich halte aktiv die Augen offen, schaue mir Curricula an und Ausrichtungen
der verschiedenen Schulen. Gleichzeitig weiss ich, dass ich von meinem Beruf
nicht einfach weg kann. Und nicht weg muss. Ich bin mir sicher, hier noch für
eine ganze Weile am richtigen Ort zu sein. Deswegen warte ich ab, welche Tür
sich öffnen wird. Und bereite meine Seele vor.
Ich lebe im Hier und Jetzt so, dass ich nichts bereuen muss. Halte die
Ohren meines Herzens offen, damit ich es nicht verpasse, wenn der entscheidende
Anstoss kommt. Überlege um die Ecke, wie Studium und Beruf irgendwie vereinbar
wären. Und versuche auszuloten, zu welcher Aufgabe genau es mich zieht und was
für Qualifikationen ich dafür brauchen werde.
„Have you ever thought of being a pastor?“ – die Frage eines
Missionars-Freundes blieb hängen. Pastorin – Hirtin. Jemand, der sich um andere
Menschen kümmert, sie ernst nimmt, für sie sorgt und vorangeht. Als ich von
einem halben Jahr in Laos nach Hause kam, zog ich wie ein Magnet Freundinnen und Freunde an, die im
Glauben Sorgen haben. Ich bin eine gute Zuhörerin, kann aber auch Ratschläge
geben aus meiner eigenen Erfahrung und aus dem, was ich von Gott zu hören
meine. Auch wenn ich theologisch im Vergleich mit anderen eine Anfängerin bin. Ich nehme mich als gesegnet wahr. Gleichzeitig will ich demütig bleiben, nicht meinen, es besser zu wissen.
Aber momentan tauche ich auf aus dem Meer meiner evangelikaler Prägung und atme
Luft und Sonnenstrahlen, die meine Perspektiven umkehren. Plötzlich eröffnen
sich Antworten, in einer bestechenden Einfachheit. Nur durch das Infragestellen
einiger evangelikaler Vorstellungen und durch kontextuelles Lesen der Bücher
der Bibel.
Ein Beispiel: Viele evangelikale Christen halten daran fest, die
Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. Es scheint in Freikirchen sogar eine Mehrheit zu
sein, denn gegen aussen ist dies die Lehrmeinung. Natürlich lässt auch die Wissenschaft Fragen offen und
schüttet mit der Leugnung eines kreativen Gottes das Kind mit dem Bade aus.
Aber gleichzeitig widerstrebt es mir zutiefst, einem Schöpfungsmythos 1:1 zu
glauben, der erst über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde, von Menschen,
die sich die Physik der Welt mit den Mitteln der Narration erklärten. Jahrelang
sagte ich, niemand könne genau wissen, wie die Welt entstanden ist. Aber es
spiele für mein Leben, für meine Gottesbeziehung ja auch keine Rolle. Heute bin
ich weniger vorsichtig, sondern weiss zumindest, was ich nicht glaube
und warum nicht.
Oft passiert es mir, dass ich mir Gedanken mache, die in eine bestimmte
Richtung gehen. Mir Dinge zu erklären und Fragen zu beantworten suche. Und dass
ich dann von jemand Gebildetem, Reifem genau in dieser Zeit etwas höre, was meine Gedankengänge in
kompakter, nachvollziehbarer Form auf den Punkt bringt. Zum Beispiel die Sache
mit Gottes Plan.
Als meine Mutter vorletztes Jahr schwer erkrankte, stellte ich mir nur
kurz die Frage nach dem Warum. Ich war längst zu der Überzeugung gelangt, dass
schlimme Dinge einfach passieren (zufällig, könnte man zugespitzt sagen), und
zwar Christen wie Nichtchristen. Der Glaube schützt nicht vor Krankheit, vor
dem Verlassenwerden, davor, Opfer von Fehlern anderer zu werden. (Ich bin aber
überzeugt davon, dass Gott aufgrund von Gebeten manchmal Wunder tut, Krankheiten
heilt und entgleiste Tatsachen zu einem guten Ende bringen kann.) Diese
Auffassung von Schicksalsschlägen widerspricht aber der Theorie, dass Gott für
das Leben seiner geliebten Kinder einen perfekten Plan hat. Dass nichts
geschieht, was nicht von ihm als Chance oder Lektion bewusst in unseren
Lebensteppich gewoben wurde.
Schlimme Dinge passieren. Wir können sie – an Gottes Hand durchs Leben
gehend – im besten Fall als Chance oder 'Lehrblätz' gebrauchen. Bei einem richtig
harten Schicksalsschlag ist dies aber von einem Menschen zu viel verlangt. Dann
hilft uns nur die Gewissheit, dass Gott mit uns leidet. Er weint mit uns
darüber, dass die Welt zur Zeit negativen Mächten ausgeliefert ist, die sich
zum Ziel gesetzt haben, Chaos, Hass und Zerstörung in das Leben jedes Einzelnen
zu bringen.
Dieses Gerüst zimmerte ich mir aus meinen eigenen Erfahrungen zusammen.
Dann sah ich ein kurzes YouTube-Video von Greg Boyd, in dem er das Konzept des
„Open Theism“ erklärt. Ein Leben mit Gott als Feld voller Möglichkeiten,
anstatt als Leben möglichst nahe an einem perfekten Plan entlang. Mit Boyds
Aussagen nahm in den Strukturen meines Gedankengerüsts eine zusammenhängende
Theorie Form an.
Fragen wie jene, warum sich trotz Gottes Liebe und Schutz unvermeidbar
dunkle Fäden in unseren Lebensteppich weben, sind elementar. Umso mehr drängt
es mich, Dinge, die ich als Erkenntnisse erfahre, als logische Erklärungen,
anderen mitzuteilen. Und da ich mich nicht auf das dünne Eis des Behauptens
begeben will, muss ich mir theologisches Hintergrundwissen aneignen. Ich bin
gespannt darauf, wohin dieser Weg mich führen wird."
Montag, 13. Juni 2016
"What would you do if you weren't afraid?"
Und natürlich dann immer die Frage: "Wie wirst du dir das Studium denn finanzieren?" Well - ja, gute Frage. So viel verdient man als Journalistin ja auch nicht, als dass ich mir jetzt ein lockeres Studentenleben machen könnte. Mit meinem Ersparten komme ich wohl zwei, drei Semester über die Runden. Um ehrlich zu sein, die Geldfrage bringt mich schon manchmal um den Schlaf.
Dann dreht es in meinem Kopf, ich sehe vor meinem inneren Auge die Zahl auf dem monatlichen Kontoauszug drastisch kleiner werden und frage mich, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, meinen Job zu kündigen. Die Sicherheit aufzugeben. Warum kann es nicht simpel sein, ich völlig glücklich und erfüllt mit meiner Arbeit und keinerlei Ansprüche, mich mehr weiterzubilden als alle zwei Jahre ein Journalistenkürsli am MAZ. Warum reicht mir dieses theologische Basics-CAS nicht, das ich jetzt noch zu Ende führe? Warum muss es unbedingt mehr sein? Dann bin ich so halb wütend, ja, irgendwie auf Gott, weil er mich so gestrickt hat. Ich fühle mich ausgeliefert, denn es wäre einiges einfacher, wenn da nicht dieses Brennen wäre. Die Lust, mehr zu lernen und mehr zu wissen. Und gleichzeitig bin ich genau deswegen auch zutiefst überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist.
Eine Strategie für diese Momente: Kurz bevor ich meine Kündigung eingereicht habe, habe ich ein kleines, leeres Buch zum "Mutbuch" gemacht. Dort schreibe ich all die starken, positiven Gedanken hinein, ermutigende Gespräche, Tweets, Zitate. Ein Bibelvers, eine Begegnung, ein Gedicht. Dinge, an denen ich mich festhalten will, wenn die Sorgen Überhand nehmen oder das Konto ins Minus kippt.
"What would you do if you weren't afraid?"
"18.4.: Angemeldet an der Uni. Die Entscheidung steht fest."
"6 Jahre Studium - aber noch 30 Jahre Arbeitsleben." Und bei dieser Seite hoffe ich beim Durchblättern ganz, ganz leise, dass mich dann nicht fünf Jahre nach dem Master wieder so eine verrückte Idee packt und mich um den Schlaf bringt.
Dann dreht es in meinem Kopf, ich sehe vor meinem inneren Auge die Zahl auf dem monatlichen Kontoauszug drastisch kleiner werden und frage mich, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, meinen Job zu kündigen. Die Sicherheit aufzugeben. Warum kann es nicht simpel sein, ich völlig glücklich und erfüllt mit meiner Arbeit und keinerlei Ansprüche, mich mehr weiterzubilden als alle zwei Jahre ein Journalistenkürsli am MAZ. Warum reicht mir dieses theologische Basics-CAS nicht, das ich jetzt noch zu Ende führe? Warum muss es unbedingt mehr sein? Dann bin ich so halb wütend, ja, irgendwie auf Gott, weil er mich so gestrickt hat. Ich fühle mich ausgeliefert, denn es wäre einiges einfacher, wenn da nicht dieses Brennen wäre. Die Lust, mehr zu lernen und mehr zu wissen. Und gleichzeitig bin ich genau deswegen auch zutiefst überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist.
Eine Strategie für diese Momente: Kurz bevor ich meine Kündigung eingereicht habe, habe ich ein kleines, leeres Buch zum "Mutbuch" gemacht. Dort schreibe ich all die starken, positiven Gedanken hinein, ermutigende Gespräche, Tweets, Zitate. Ein Bibelvers, eine Begegnung, ein Gedicht. Dinge, an denen ich mich festhalten will, wenn die Sorgen Überhand nehmen oder das Konto ins Minus kippt.
![]() |
| Das Zitat stammt aus dem Buch "Lean in" von Sheryl Sandberg. |
"What would you do if you weren't afraid?"
"18.4.: Angemeldet an der Uni. Die Entscheidung steht fest."
"6 Jahre Studium - aber noch 30 Jahre Arbeitsleben." Und bei dieser Seite hoffe ich beim Durchblättern ganz, ganz leise, dass mich dann nicht fünf Jahre nach dem Master wieder so eine verrückte Idee packt und mich um den Schlaf bringt.
Sonntag, 5. Juni 2016
Jetzt oder nie
Eigentlich ist es völlig unvernünftig. Anfang Dreissig schmiedet man für gewöhnlich andere Pläne, als nochmals ein volles Studium in Angriff zu nehmen. Aber vielleicht ist gerade deshalb der richtige Zeitpunkt: Jetzt oder nie.
In einem sehr hellen Moment in einer ziemlich dunklen Bar sagte ich bereits vor drei Jahren zu einer Freundin, dass ich irgendwann noch Theologie studieren werde. Und in der Zwischenzeit hat sich herauskristallisiert: Ich kann nicht anders. Das Teilzeit-Nachdiplom-Basis-AT-NT-Fernstudium, das ich vor einem Jahr angefangen habe, hat die Lust auf Wissen, Thesen und Debatten nicht gestillt. Sondern es hat mir vollends den Ärmel reingenommen. Bei Interviews mit TheologInnen wurde aus "Spannend, was die alles wissen" langsam, aber sicher: "Wow, da will ich mitreden können!". Und wenn ich mir vorstellte, am Montag, 19. September ganz normal meiner Arbeit nachzugehen, während an den Universitäten das Semester beginnen würde - ohne mich! -, stellte sich etwas in mir auf die Hinterbeine. Ich will nicht irgendwann zurückblicken und feststellen müssen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe.
Also kratze ich meinen gesamten Mut (und mein Erspartes...) zusammen. Ab Herbst werde ich Hebräisch und Griechisch lernen und Vorlesungen mit Titeln wie "Grundkurs Dogmatik" und "Antikes Christentum I" besuchen. Ich werde herausfinden, ob die Theologische Fakultät der Uni Zürich auch modernere Hilfsmittel als Hellraumprojektoren führt, und versuchen, noch ein bisschen mehr nützliches über "Evernote" herauszufinden.
Ich habe mir vorgenommen, hier wieder etwas regelmässiger zu bloggen. Feel free to comment (auch auf Twitter!). Tipps von gestandenen Studierenden und Inputs von angefressenen TheologInnen sind herzlich willkommen.
In einem sehr hellen Moment in einer ziemlich dunklen Bar sagte ich bereits vor drei Jahren zu einer Freundin, dass ich irgendwann noch Theologie studieren werde. Und in der Zwischenzeit hat sich herauskristallisiert: Ich kann nicht anders. Das Teilzeit-Nachdiplom-Basis-AT-NT-Fernstudium, das ich vor einem Jahr angefangen habe, hat die Lust auf Wissen, Thesen und Debatten nicht gestillt. Sondern es hat mir vollends den Ärmel reingenommen. Bei Interviews mit TheologInnen wurde aus "Spannend, was die alles wissen" langsam, aber sicher: "Wow, da will ich mitreden können!". Und wenn ich mir vorstellte, am Montag, 19. September ganz normal meiner Arbeit nachzugehen, während an den Universitäten das Semester beginnen würde - ohne mich! -, stellte sich etwas in mir auf die Hinterbeine. Ich will nicht irgendwann zurückblicken und feststellen müssen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe.
Also kratze ich meinen gesamten Mut (und mein Erspartes...) zusammen. Ab Herbst werde ich Hebräisch und Griechisch lernen und Vorlesungen mit Titeln wie "Grundkurs Dogmatik" und "Antikes Christentum I" besuchen. Ich werde herausfinden, ob die Theologische Fakultät der Uni Zürich auch modernere Hilfsmittel als Hellraumprojektoren führt, und versuchen, noch ein bisschen mehr nützliches über "Evernote" herauszufinden.
Ich habe mir vorgenommen, hier wieder etwas regelmässiger zu bloggen. Feel free to comment (auch auf Twitter!). Tipps von gestandenen Studierenden und Inputs von angefressenen TheologInnen sind herzlich willkommen.
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