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Sonntag, 7. Dezember 2014

Das "Shabby-Chic"-Biotop


Sie haben's schon wieder getan. "Studientage für dich und deine Kirche", heisst es in der Ausschreibung des neusten freikirchlichen Events in der Schweiz. Wohl vorausgesetzt, "deiner Kirche" sind Frauen egal. 

Als ich diese Woche das Programm der Konferenz "Elevate 2015" mit der rein männlichen Speakerliste sah, bin ich ziemlich wütend rüber ins Büro meiner Redaktionskollegen gestampft. "Ich darf ja dieses Thema wegen Befangenheit nicht mehr machen", sagte ich ihnen, "aber würde BITTE jemand von euch einen Beitrag darüber machen? Das. Geht. Einfach. Nicht.

Zurück an meinem Schreibtisch versuchte ich, meinen Ärger zu drosseln und das Beste aus der Situation zu machen: Ich schlug der SEA (Schweizerische Evangelische Allianz) per Mail vor, eine Frauenbeauftragte einzustellen. Denn offenbar geht es nicht ohne. Es steckt kein böser Wille hinter dem Problem (meistens zumindest), sondern blosse Ignoranz: Den meisten christlichen Leitungsgremien fehlt das Bewusstsein für Chancengleichheit.

Mit solchen Events raubt man(n) Frauen Chancen. Es geht nicht um die Einzelveranstaltung, sondern um eine grössere Perspektive: Rednerinnen und Redner sind die "Stars" der Szene, die Inspiratorinnen und Visonäre. Und ihre Namen ziehen Publikum an. Es ist wie bei den Bands an Festivals: Wer einmal gut war und das Publikum mitreissen konnte, wird wieder eingeladen. Nicht nur dort, auch von anderen. Wenn keine Frauen auftreten, ist dies also gleich doppelt fatal: Erstens, weil der betreffenden Konferenz dann etwas fehlt und zweitens, weil keine neue Frau in diesen "Zirkus" der christlichen Speaker eingebracht wurde. 

Damit stellen sich zwei Fragen.

1. Warum ist man da nicht schon viel weiter? 

Und 2. Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? 


Warum ist es noch nicht normal, dass an christlichen Konferenzen Frauen sprechen und predigen? Mein Redaktionskollege, der sich des Themas angenommen hat, bemerkte, dass die meisten Frauen das offenbar selber gar nicht vermissen. Deswegen geht auch niemand auf die Barrikaden, und deshalb geht der Wandel auch so langsam. Obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Kirchenmitglieder ausmachen, leben sie in einer Art Biotop. Ein Biotop, an dessen Eingang ein Schild "Wohlfühlen und Auftanken" hängt, liebevoll in trendy "Shabby Chic"-Stil dekoriert ist und wo man Chai-Tee trinkt und vielleicht hin und wieder einen Hugo. Wenn der Mann an einem Abend mal die Kinder übernimmt; er isch jo so en Guete. Innerhalb dieses Biotops gibt es reichlich Vorbilder und bewundernswerte Frauen. 

Frauen wie Lisa Bevere, Autorin von Büchern wie "Lioness: Arise!" und "Girls With Swords"; zum Beispiel. Die eigentlich eine kämpferische, motivierende Message beinhalten und im Frauen-Biotop auf fruchtbaren Boden fallen, viel gelesen werden, aber wohl auch innerhalb dieses Biotops bleiben. Denn immer ist das Frau-Sein das zentrale Thema. "Was ist meine Rolle?" - "Was ist meine Berufung?" Solange es dieses "Shabby-Chic"-Biotop noch gibt und Frauen sich so absondern, geht es nicht um übergeschlechtliche Inhalte. Und Männer merken nicht, dass Frauen auch zu frauenunabhängigen Themen valable Speaker sind. 

Ich mag Frauenfrühstücke und Ladies Events. Und gerade für Mütter sind solche Anlässe wohl sowas wie Ausgang - erfrischend und eine Abwechslung. Es ist gemütlich, unter Frauen zu sein. Und das ist der Punkt - es ist zu gemütlich. Das Frauen-Biotop gehört abgeschafft. Denn solange es diesen geschützten Rahmen im grossen Stil gibt, schliessen wir uns selber von den Bühnen der geschlechter-übergreifenden Veranstaltungen aus.

Womit wir bei der zweiten Frage sind, die ganz einfach zu beantworten ist: Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? Weil Frauen genauso etwas zu sagen haben wie Männer. Und, langfristiger gedacht: Weil junge Frauen Vorbilder brauchen, die ihnen zeigen, dass auch sie den Mund aufmachen dürfen und sollen. Und zwar nicht nur im Frauen-Biotop - auch vor einem gemischten Publikum.
 
Lisa Bevere war übrigens zusammen mit ihrem Mann Key Speaker an der ICF-Konferenz vor zwei Jahren - es geht also. Es gibt positive Beispiele, gerade bei progressiven Freikirchen. Auch deshalb war ich enttäuscht über das Line-Up von "Elevate 2015": Organisiert wird die Konferenz nämlich vom ICF, ICF College und ISTL, Institutionen, die gegen aussen progressiv und modern wirken.

Raus aus dem Biotop, Frauen. Und Männer: Kämpft mit uns mit für mehr Frauen auf christlichen Bühnen. Ich glaube, ihr hättet da gar nichts dagegen.

Kommentare sind sehr willkommen, hier (noch) bei Blogger aber etwas schwierig. Wenn's nicht geht, besser auf meiner Facebook-Seite, auf Twitter, Mail oder Kontaktformular links auf dieser Seite.

Update: Begründung von ICF zu den fehlenden Frauen im Programm von "Elevate15": 

"Wir haben im ICF grundsätzlich keine 'Frauenquote' sondern laden Speaker ein - egal ob Mann oder Frau - die zum jeweiligen Event und Thema passen. Es ist aber halt schon so, dass vor allem Männer in dieser Domäne vertreten sind (ist ja bei uns im Staff auch so). Ich denke mal, dass in christlichen Kreisen halt das 'traditionelle' Familienbild mit der Frau zu Hause bei den Kids überwiegt." (Nicolas Legler, Mediensprecher ICF)


Sonntag, 9. November 2014

Ich will raus aus der Schublade!


Schönes Wochenende gehabt? Danke, ja, ich auch! Obwohl: Ich bin wieder mal in einer Schublade gelandet. Ja, passiert mir hin und wieder. Diesmal war es ausgerechnet eine von denen, die mir am unbequemsten sind: die Schublade „evangelikal“. Wieder einmal ist ein langer Artikel in einer Sonntagszeitung erschienen, der „die Freikirchen“ in ein schlechtes Licht und in die Nähe von Sekten rückt. Grösster Kritikpunkt: konservative Werthaltungen. Zwar besagt die zitierte Studie des Religionssoziologen Jörg Stolz bereits, dass es drei grobe Richtungen innerhalb der Freikirchen gibt (charismatisch, klassisch, konservativ). In die Schublade „evangelikal“ werden dann doch alle geworfen. Also, weil Freikirchenbesuche zu meinem Glauben gehören, auch ich.

Ich mag die Schublade nicht, weil sie für mich zu klein ist. Die Definition von „evangelikal“ lautet „am Evangelium orientiert“, also kurz gesagt, „bibeltreu“. Dass laut der Freikirchen-Studie nur die Hälfte der Mitglieder für eine wortwörtliche Auslegung der Bibel plädieren, zeigt bereits, dass dieser Begriff nicht pauschal verwendet werden dürfte.

Denn es gibt sie, die Liberalen in den Freikirchen. Und obwohl die konservativ Denkenden überwiegen, wird die Situation verzerrt, indem Medien genau diejenigen Probleme zitieren, welche auch innerhalb der Kirchenmauern heiss diskutiert werden. Kreationismus, ausserehelicher Sex und Homosexualität sind die drei Diskussionen, auf welche man als Besucherin einer Freikirche am meisten angesprochen wird – aber auch genau die Dinge, in welchen sich Gläubige untereinander am wenigsten einig sind. Innerhalb der Freikirchen findet vielerorts ein Diskurs statt über Punkte, in denen die traditionelle Auslegung der Bibel mit der heutigen Lebenswelt am stärksten auseinanderklafft. In evangelikalen Verbänden wird gerungen, wie das Wesen des christlichen Glaubens heute interpretiert werden soll, ohne es zu verleugnen.

Ich wünsche mir, dass diese Diskussion transparenter geführt wird. Dass kirchliche Leitungspersonen zugeben können, dass sie oft überfordert sind mit ihrer Aufgabe, das Christentum in der heutigen Zeit zu vertreten. Einer Zeit, wo manche der jahrtausende alten Worte der Bibel irritieren – und zwar nicht positiv. Dass Freikirchen es wagen würden, traditionelle Interpretationen zumindest zur Diskussion zu stellen, wäre dringend nötig. Denn wenn sie gegen aussen mit fixen Wertehaltungen auftreten, obwohl hinter den Kulissen die Diskussion brodelt, schadet dies nicht nur dem Image. Es verärgert auch diejenigen in den eigenen Reihen, die an der Diskrepanz zwischen Dogma und Lebenswelt verzweifeln. Oder die mit guten Argumenten eine andere Meinung als die Kirche haben, aber in der Öffentlichkeit nicht gehört werden.

Gäbe es mehr Transparenz, würden die Besucherinnen und Besucher der Freikirchen vielleicht weniger oft pauschal als konservativ, weltfremd und intolerant abgestempelt. (Oder, dies ist mir persönlich manchmal nicht klar, als leichte Beute, die man vor den bösen Predigern beschützen müsste...) „Freikirchlerinnen“ und „Freikirchler“ sind ganz normale Menschen. Die meisten durchaus intelligent genug, für sich selber zu denken und ihre Meinung aus verschiedenen Quellen und Inspirationen zu bilden. Ich wünschte mir, dass die Öffentlichkeit das mehr anerkennt - aber auch die Leitungsgremien der Freikirchen, damit Diskurse geöffnet werden.



(Im angelsächsischen Raum ist dies bereits geschehen: Shane Claybourne und Brian McLaren plädieren für grundlegend andere Kirchenformen – beide auf unterschiedliche Weise. Die Sängerin Vicky Beeching hat extra einen Master in Theologie gemacht, um festzustellen, dass sich Homosexualität und Glaube nicht ausschliessen. Und der Pastor Rob Bell spaltet mit seinen kontroversen Ansichten zu verschiedenen Themen die amerikanischen Kirchen. So werden andere Ansichten als die traditionellen Überlieferungen zumindest zur Diskussion gestellt. Für Menschen, die im Glauben einfache Antworten suchen, macht es dies nicht einfacher. Aber selber denken rules!)