Seit ich etwa 20 war, führe ich ein spirituelles Nomadenleben.
Meiner Zeit am Gymnasium folgten Jahre, in denen ich mich nicht als gläubig bezeichnet hätte. Ich hatte die Nase voll von einer Kirche, die vor allem Normen und Regeln verkörperte, und von einem Gott, den ich nicht hörte, geschweige denn verstand. Mitte zwanzig gab ich ihm nochmal eine Chance - aber ohne den ganzen Ballast von Gemeindealltag, christlichen Lebenshilfe- und Andachtsbüchern und vor allem ohne den Druck, mir das Label "Christin" anzukleben.
Langsam fand ich wieder zu einem Glaubensleben. Es ist nicht mehr das gleiche wie zuvor - zum Glück: Ich habe die Freiheit, auf dem Weg zu sein und herauszufinden, was der Glaube für mich bedeutet. Ich sehe ihn als Prozess und nicht als Dogma. Ich teile mein Leben mit Menschen, mit denen ich diskutiere. Mit manchen bete ich auch. Manchmal besuche ich in die Kirche vor Ort, der ich sogar als Mitglied beigetreten bin. Aber meine "Kirche" ist ein Netzwerk von Menschen, die sich an völlig unterschiedlichen Orten befinden.
Viele aus meinem Freundeskreis haben eine ähnliche Geschichte. Ihr habt Enttäuschungen erlebt in Kirchen, habt Zweifel an Gott und Mühe mit vielen von den Leuten, die sich in der Öffentlichkeit als Christen positionieren. Und trotzdem ist da etwas, was euch nicht loslässt an dieser Sache mit Gott. Im englischsprachigen Raum nennt man uns "De-Churched", "Entkirchlicht"; oder "spiritual homeless", "geistlich Obdachlose". Menschen mit einem "Post-traumatic Church Syndrome" (Reba Riley) trifft es auch ganz gut.
Die Feuerstellen, die uns "spirituell Obdachlosen" wärmen, und die Gassenküchen, in denen wir uns treffen und Nahrung bekommen, befinden sich vor allem im Internet. Es sind in den letzten zwei Jahren einige Podcasts für Leute wie uns entstanden ("The Liturgists", "Red Letter Christians", "The Deconstructionists", "Homebrewed Christianity"). Dass ihre Hörerzahlen in kürzester Zeit explodiert sind und die Macher völlig überrumpelt wurden von der Resonanz, zeigt, wie gross diese Minderheit der "De-Churched" ist. Auch etablierte Kirchen begreifen es langsam: Sie machen sich auf den Weg aus den Kirchengebäuden heraus, um Menschen dort zu begegnen, wo sie sind (Fresh Expressions of Church). Ohne den Willen, sie zurück in die Kirchengebäude zu bringen.
Es sind einzelne Beispiele für eine "grass roots"-Bewegung, die langsam in Gang kommt. Raus aus den Kirchen, aus den etablierten Traditionen, in Richtung einer neuen Reformation. Ich glaube, das ist die Zukunft der Kirche. Und wenn man bedenkt, dass auch der Gründer dieser ganzen Christentums-Sache ein Obdachloser war, der ein Nomadenleben führte, ist das wohl der richtige Weg.
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Dienstag, 13. September 2016
Donnerstag, 17. März 2016
"Let Bad Religion Die", oder wie Gungor Kunst voller Theologie machen #offtopic
Ich habe vor, wieder mehr off-topic zu bloggen. Nicht direkt über Frauen in der Kirche, sondern mehr über Leben und Glauben aus meiner Perspektive. Kurz, lose, random, nicht wirklich redigiert. #wasmitTheologie.
Zu christlicher Musik könnte man wunderbare Bullshit-Bingos machen. Oder so Songbücher wie die horizontal dreigeteilten Kinderbücher, wo Kopf, Rumpf und Beine verschiedener Tiere zusammen ein Fantasiewesen ergeben. "Holy", "Halleluja", drei Akkorde drunter, ein ätherisches Klangbett und voilà, fertig ist der 08/15-Worshipsong. Gotteslob in Ehren, aber Seele ist da ganz selten drin.
Und dann gibt es diese eine christliche Band, die ihren Songs Titel gibt wie "Magic" oder "Let Bad Religion Die": Gungor. Ihre Werke haben Sprengkraft, sind pure Theologie, in Kunst gepackt. Der Song "Beautiful Things" ist mittlerweile auch hier bekannt, er ist aber harmlos, verglichen mit anderen ihrer Titel. Ein Song von Gungor beginnt mit der Zeile "God is not a man", und der Chorus eines anderen lautet "If it's us or them, it's us for them". In "Light" verarbeiten sie ganz ehrlich die Erfahrung, ein Kind mit Down-Syndrom bekommen zu haben.
Gungor sind furchtlos. Sie machen mit ihrem Künstlerkollektiv "The Liturgists" ehrliche, tiefgründige, mutige Kunst. Theologiekunst, angewandte Theologie, welche mich tief berührt, zum Nachdenken bringt und mich spirituell prägt.
Zum Beispiel ihre modernen Liturgien, wie "Garden" für Karfreitag/Ostern: Spoken Word von den Theologen Rachel Held Evans und Rob Bell, eine zwanzigminütige, angeleitete Meditation ("Centering Prayer") vom exzentrischen Theologen/Wissenschaftsfreak "Science Mike" McHague. Songs von Gungor mit Texten wie "Oh my God, where are you?". Vor solchen Fragen haben sie keine Angst. "The Liturgists" machen Podcasts zu Themen wie "Pro-life, pro choice", "Sin" oder "Safe Church". (Und ja, auch zu "Genesis and Evolution" oder "LGBTQ".) Manchmal - oft! - werden Fragen gestellt, diskutiert, aber nicht abschliessend beantwortet. Es entsteht Raum fürs Denken, fürs Fühlen, für den Heiligen Geist.
Auch an ihren Events, bei denen ich wünschte, ich könnte dabeisein... "Lost & Found": "An interactive storytelling experience about the tension between science and religion, and why so many people leave faith behind." Oder "Belong": "Belong is a safe place to have honest discussions about doubts, hopes, fears, and faith. A place where no question is off limits, but you can find a burgeoning community of people who will welcome you with all your strangeness."
Ich bin mir völlig bewusst, wie schwärmerisch das alles klingt. Aber Gungor geben mir so viel Hoffnung! Sie schaffen Heimat für Menschen, die von der herkömmlichen Institution Kirche enttäuscht sind. Die mehr wollen, echtes wollen, nicht Rezeptglauben mit Manipulationsfaktor. Selber denken, aber auch selber fühlen. Zweifeln und fragen, aber auch wachsen und finden. "Seek and you shall find!"
Gungor haben soeben ihr neues Album "One Wild Life: Spirit" veröffentlicht, der zweite Teil einer Album-Trilogie. Es ist eine geballte Ladung Inspiration mit grossartiger Musik. Und hier kann man reinhören: In der neusten Folge ihres "The Liturgists"-Podcasts sprechen sie über das Album und die einzelnen Songs werden ansgespielt.
Sidenote: Gungor laufen auch im Programm von Radio Life Channel. Wir sind nämlich dort auch keine Fans von 08/15-Worship und Rezeptglauben.
Zu christlicher Musik könnte man wunderbare Bullshit-Bingos machen. Oder so Songbücher wie die horizontal dreigeteilten Kinderbücher, wo Kopf, Rumpf und Beine verschiedener Tiere zusammen ein Fantasiewesen ergeben. "Holy", "Halleluja", drei Akkorde drunter, ein ätherisches Klangbett und voilà, fertig ist der 08/15-Worshipsong. Gotteslob in Ehren, aber Seele ist da ganz selten drin.
Und dann gibt es diese eine christliche Band, die ihren Songs Titel gibt wie "Magic" oder "Let Bad Religion Die": Gungor. Ihre Werke haben Sprengkraft, sind pure Theologie, in Kunst gepackt. Der Song "Beautiful Things" ist mittlerweile auch hier bekannt, er ist aber harmlos, verglichen mit anderen ihrer Titel. Ein Song von Gungor beginnt mit der Zeile "God is not a man", und der Chorus eines anderen lautet "If it's us or them, it's us for them". In "Light" verarbeiten sie ganz ehrlich die Erfahrung, ein Kind mit Down-Syndrom bekommen zu haben.
Gungor sind furchtlos. Sie machen mit ihrem Künstlerkollektiv "The Liturgists" ehrliche, tiefgründige, mutige Kunst. Theologiekunst, angewandte Theologie, welche mich tief berührt, zum Nachdenken bringt und mich spirituell prägt.
Zum Beispiel ihre modernen Liturgien, wie "Garden" für Karfreitag/Ostern: Spoken Word von den Theologen Rachel Held Evans und Rob Bell, eine zwanzigminütige, angeleitete Meditation ("Centering Prayer") vom exzentrischen Theologen/Wissenschaftsfreak "Science Mike" McHague. Songs von Gungor mit Texten wie "Oh my God, where are you?". Vor solchen Fragen haben sie keine Angst. "The Liturgists" machen Podcasts zu Themen wie "Pro-life, pro choice", "Sin" oder "Safe Church". (Und ja, auch zu "Genesis and Evolution" oder "LGBTQ".) Manchmal - oft! - werden Fragen gestellt, diskutiert, aber nicht abschliessend beantwortet. Es entsteht Raum fürs Denken, fürs Fühlen, für den Heiligen Geist.
Auch an ihren Events, bei denen ich wünschte, ich könnte dabeisein... "Lost & Found": "An interactive storytelling experience about the tension between science and religion, and why so many people leave faith behind." Oder "Belong": "Belong is a safe place to have honest discussions about doubts, hopes, fears, and faith. A place where no question is off limits, but you can find a burgeoning community of people who will welcome you with all your strangeness."
Ich bin mir völlig bewusst, wie schwärmerisch das alles klingt. Aber Gungor geben mir so viel Hoffnung! Sie schaffen Heimat für Menschen, die von der herkömmlichen Institution Kirche enttäuscht sind. Die mehr wollen, echtes wollen, nicht Rezeptglauben mit Manipulationsfaktor. Selber denken, aber auch selber fühlen. Zweifeln und fragen, aber auch wachsen und finden. "Seek and you shall find!"
Gungor haben soeben ihr neues Album "One Wild Life: Spirit" veröffentlicht, der zweite Teil einer Album-Trilogie. Es ist eine geballte Ladung Inspiration mit grossartiger Musik. Und hier kann man reinhören: In der neusten Folge ihres "The Liturgists"-Podcasts sprechen sie über das Album und die einzelnen Songs werden ansgespielt.
Sidenote: Gungor laufen auch im Programm von Radio Life Channel. Wir sind nämlich dort auch keine Fans von 08/15-Worship und Rezeptglauben.
Montag, 22. Juni 2015
Geschlechtergerecht am Radio
Beim Radio gilt: "In der Kürze liegt die Würze". Inhalte verständlich, ohne unnötige Schlenker, in einer alltagsnahen Sprache kommunizieren. Ich nehme das oft genauso als Herausforderung an, wie früher als Print-Journalistin das Ausformulieren präziser, schöner Sätze.
Ich mag die Arbeit mit der Sprache, weil es Resultate gibt: Inhalte kommen nur an, wenn ich mir dabei Mühe gebe. Ich stelle mir Menschen vor beim Kochen, im Feierabendverkehr, morgens im Badezimmer, die Radio Life Channel hören. Nebenbei, und manchmal bleibt etwas hängen oder unbewusst hört man doch zu. Da gibt es Regeln wie: Redundanz - Wiederholungen sind gut. Oder: Ein Satz pro Zeile. Bei Schriftgrösse 14, wohlgemerkt, weil ich danach die News live ablesen muss.
Eine Herausforderung ist da die geschlechtergerechte Sprache. Erst kürzlich hörte ich einen Kurzbeitrag meines Kollegen gegen, wo es um die Veränderungen im Pfarrberuf ging. Es kam ausschliesslich "der Pfarrer" vor, was bei einem Pfarrerinnen-Anteil von einem Drittel in der evangelisch-reformierten Kirche schlicht falsch ist. Als wir darüber sprachen, kam wieder einmal rüber: "Pfarrer und Pfarrerinnen" klingt doof, umständlich, lang. "Aber es ist wichtig!", sagte ich, und wies auf die Bilder im Kopf hin, die das Rollenverständnis prägen. "Pfarrperson" ist auch unschön - deswegen ist meine liebste Variante, dass ich am Anfang von "Pfarrerin und Pfarrer" rede und dann abwechsle zwischen den Geschlechtern.
*
Soeben habe ich darüber einen interessanten Blogeintrag entdeckt, der aus der Warte einer Pfarrerin geschrieben ist. Hier geht's zu Pastor Sandy.
Ich mag die Arbeit mit der Sprache, weil es Resultate gibt: Inhalte kommen nur an, wenn ich mir dabei Mühe gebe. Ich stelle mir Menschen vor beim Kochen, im Feierabendverkehr, morgens im Badezimmer, die Radio Life Channel hören. Nebenbei, und manchmal bleibt etwas hängen oder unbewusst hört man doch zu. Da gibt es Regeln wie: Redundanz - Wiederholungen sind gut. Oder: Ein Satz pro Zeile. Bei Schriftgrösse 14, wohlgemerkt, weil ich danach die News live ablesen muss.
Eine Herausforderung ist da die geschlechtergerechte Sprache. Erst kürzlich hörte ich einen Kurzbeitrag meines Kollegen gegen, wo es um die Veränderungen im Pfarrberuf ging. Es kam ausschliesslich "der Pfarrer" vor, was bei einem Pfarrerinnen-Anteil von einem Drittel in der evangelisch-reformierten Kirche schlicht falsch ist. Als wir darüber sprachen, kam wieder einmal rüber: "Pfarrer und Pfarrerinnen" klingt doof, umständlich, lang. "Aber es ist wichtig!", sagte ich, und wies auf die Bilder im Kopf hin, die das Rollenverständnis prägen. "Pfarrperson" ist auch unschön - deswegen ist meine liebste Variante, dass ich am Anfang von "Pfarrerin und Pfarrer" rede und dann abwechsle zwischen den Geschlechtern.
*
Soeben habe ich darüber einen interessanten Blogeintrag entdeckt, der aus der Warte einer Pfarrerin geschrieben ist. Hier geht's zu Pastor Sandy.
Freitag, 27. Februar 2015
It's all in your head
Als Pastorentochter weiss ich, wie das Leben einer Pfarrersfrau aussieht. Nur so viel: Man muss gut Nein sagen und Kritik aushalten können, oder arbeitet (notabene unbezahlt) mindestens 50% mit.
Zumindest bei den Pfarrersfrauen in der Generation meiner Mutter wurde das auch so erwartet. Heute sieht es hoffentlich anders aus. Und nicht nur das. Heute stellt sich auch die Frage, wie es sich eigentlich umgekehrt verhält: Wenn die Frau Pastorin ist.
Die neue Webserie "Ma femme est pasteure" aus der Romandie behandelt genau diese Frage. "Ich habe mich", sagt Thomas, "in ein Mädchen verliebt, die Beyoncé sein wollte, die nebenbei im Thai-Restaurant jobbte, ans andere Ende der Welt reiste und eher sozialistische (wenn nicht kommunistische) Ideen hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Gott im Bett sein würde..."
Realsatire pur: Er möchte sie abends im Bett für sich haben, während sie sich lieber noch Notizen für ihre morgige Predigt hat. Er verteilt in der Kirche noch schnell die Sitzkissen, sie testet das Mikrofon für den Gottesdienst. Ganz selbstverständlich gehört er dazu, obwohl man ihn gar nie gefragt hat...
Lange wurden wohl auch die vielen Pfarrersfrauen in der Schweiz nicht gefragt. Sondern man stellte den Pastor sozusagen "+1" an, ging davon aus, dass das Ehepaar die Arbeit für die Kirchgemeinde als geteilte Berufung ansah. Vielleicht ist es auch in einigen Fällen so - aber so selbstverständlich? Vor allem bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Frau Pfarrer gegen aussen auch eine moralische Vorbildfunktion ein, weil sie ständig unter Beobachtung stand.
Witzig, dass nun eine zeitgenössische Webserie dies thematisiert und auf die Schippe nimmt. Und witzig, wie absurd es wirkt, wenn ein Mann seine Frau in ihrem Beruf praktisch unterstützt, weil wir es uns einfach andersrum eher gewohnt sind und wir Frauen uns heute gegen diese Selbstverständlichkeit wehren: "Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau" - und umgekehrt?
Die erste Episode ist heute online, die anderen sollen ab 4. März folgen. Geplant sind 20 Folgen à 2 Minuten. Mitproduziert übrigens von der reformierten Kirche Genf und Waadt.
Et voilà! http://www.20min.ch/ro/entertainment/dossier/femmepasteure/story/Un-mari-exploite-par-une-religieuse-14280367
Update: Mein Beitrag dazu - mit einem echten Pfarrerinnen-Mann - auf lRadio Life Channel.
Hier noch ein Interview mit den Machern Caroline und Victor Costa, bei ref.ch.
Zum Thema passt übrigens glänzend dieser Blogeintrag: "Werkzeugkasten".
Zumindest bei den Pfarrersfrauen in der Generation meiner Mutter wurde das auch so erwartet. Heute sieht es hoffentlich anders aus. Und nicht nur das. Heute stellt sich auch die Frage, wie es sich eigentlich umgekehrt verhält: Wenn die Frau Pastorin ist.
![]() |
| Screenshot mafemmeestpasteure.ch |
Die neue Webserie "Ma femme est pasteure" aus der Romandie behandelt genau diese Frage. "Ich habe mich", sagt Thomas, "in ein Mädchen verliebt, die Beyoncé sein wollte, die nebenbei im Thai-Restaurant jobbte, ans andere Ende der Welt reiste und eher sozialistische (wenn nicht kommunistische) Ideen hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Gott im Bett sein würde..."
Realsatire pur: Er möchte sie abends im Bett für sich haben, während sie sich lieber noch Notizen für ihre morgige Predigt hat. Er verteilt in der Kirche noch schnell die Sitzkissen, sie testet das Mikrofon für den Gottesdienst. Ganz selbstverständlich gehört er dazu, obwohl man ihn gar nie gefragt hat...
Lange wurden wohl auch die vielen Pfarrersfrauen in der Schweiz nicht gefragt. Sondern man stellte den Pastor sozusagen "+1" an, ging davon aus, dass das Ehepaar die Arbeit für die Kirchgemeinde als geteilte Berufung ansah. Vielleicht ist es auch in einigen Fällen so - aber so selbstverständlich? Vor allem bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Frau Pfarrer gegen aussen auch eine moralische Vorbildfunktion ein, weil sie ständig unter Beobachtung stand.
Witzig, dass nun eine zeitgenössische Webserie dies thematisiert und auf die Schippe nimmt. Und witzig, wie absurd es wirkt, wenn ein Mann seine Frau in ihrem Beruf praktisch unterstützt, weil wir es uns einfach andersrum eher gewohnt sind und wir Frauen uns heute gegen diese Selbstverständlichkeit wehren: "Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau" - und umgekehrt?
Die erste Episode ist heute online, die anderen sollen ab 4. März folgen. Geplant sind 20 Folgen à 2 Minuten. Mitproduziert übrigens von der reformierten Kirche Genf und Waadt.
Et voilà! http://www.20min.ch/ro/entertainment/dossier/femmepasteure/story/Un-mari-exploite-par-une-religieuse-14280367
Update: Mein Beitrag dazu - mit einem echten Pfarrerinnen-Mann - auf lRadio Life Channel.
Hier noch ein Interview mit den Machern Caroline und Victor Costa, bei ref.ch.
Zum Thema passt übrigens glänzend dieser Blogeintrag: "Werkzeugkasten".
Mittwoch, 25. Februar 2015
Frauen, Business und das Glück
Mit den Gratis-Zeitschriften am Flughafen ist es so eine Sache. Es hat nie genau die, die ich mag. Die "Cosmopolitan" ist mir zu sexlastig, "Shape" habe ich nach 5 Minuten durch, die Luxusmagazine und Wirtschaftszeitschriften interessieren mich nicht besonders. Die "Tageswoche" mag ich! Und dann gibt es noch eine andere Ausnahme, die ich vor einigen Jahren entdeckt habe: Ein Magazin im Zeitungsformat, in schwarz-weiss und rosa (!): "Girl's Drive".
"Girl's Drive" ist die kleine Schwester von "Ladies Drive", einem ungewöhnlichen Frauenmagazin: Business, Frauen und Autos. Beide Zeitschriften geben Frauen bzw. Studentinnen Tipps, wie sie ihre Karriere so verfolgen können, dass sie Erfolg und Befriedigung bringt. Wie Mentoring helfen kann, wo man sich durchsetzen muss und wo nicht, wie man zu einem Praktikum im Ausland kommt und wie man sich dort verhält. Es gibt Interviews mit Unternehmerinnen und Politikerinnen darüber, was ihnen wichtig ist, wie sie ihre Karriere geplant haben, was ihre Ziele sind und was ihnen hilft, diese zu verfolgen.
Auch schon habe ich Artikel in "Girl's Drive" gelesen und mir gedacht: Dieser Zug ist für mich abgefahren. Da werden 22-Jährige porträtiert, die karrieremässig schon mehr erreicht haben als ich mit 31. Die auf der Überholspur leben, das richtige studieren, ihre Freizeit strategisch richtig einsetzen, sich in die richtigen Netzwerke einknüpfen. Manchmal deprimiert mich das, auch wenn ich eigentlich glücklich bin, dort, wo ich bin, und weiss, wo ich noch hin möchte. In der aktuellen, ganz frischen Ausgabe gibt es jedoch genau dazu einen Artikel des VWL-Professors und Glücksforschers Mathias Binswanger: Er schreibt darüber, wie man mit dem ganz natürlichen Drang, sich mit anderen zu vergleichen, umgehen kann.
Meine These ist ja, dass die Perspektiven für Frauen in der Kirche ähnlich eingeschränkt sind und der Weg in eine Leitungsposition ähnlich schwierig wie für Frauen in der Wirtschaft. Deswegen lohnt es sich, in "Girl's Drive" und "Ladies Drive" zu stöbern, auch wenn die Werte und Lebenshaltungen manchmal anders sind als diejenigen, die Gott gibt. Jesus predigte, dass man genau so viel wert ist, wenn man in den Augen der Menschen ein Verlierer ist, wie wenn man eine Top-Karriere hinlegt. Trotzdem: Wer die Lust spürt, Ziele zu verfolgen, den Willen, die eigene Berufung zu leben, stetig dazu zu lernen und an sich zu arbeiten, könnte die beiden Frauenmagazine mögen.
Tipp: Anstatt die online zur Verfügung stehenden Artikel auf der Website von "Girl's Drive" zu lesen, sich für die PDF-Ausgabe registrieren. Ist viel gehaltvoller.
"Girl's Drive" ist die kleine Schwester von "Ladies Drive", einem ungewöhnlichen Frauenmagazin: Business, Frauen und Autos. Beide Zeitschriften geben Frauen bzw. Studentinnen Tipps, wie sie ihre Karriere so verfolgen können, dass sie Erfolg und Befriedigung bringt. Wie Mentoring helfen kann, wo man sich durchsetzen muss und wo nicht, wie man zu einem Praktikum im Ausland kommt und wie man sich dort verhält. Es gibt Interviews mit Unternehmerinnen und Politikerinnen darüber, was ihnen wichtig ist, wie sie ihre Karriere geplant haben, was ihre Ziele sind und was ihnen hilft, diese zu verfolgen.
Auch schon habe ich Artikel in "Girl's Drive" gelesen und mir gedacht: Dieser Zug ist für mich abgefahren. Da werden 22-Jährige porträtiert, die karrieremässig schon mehr erreicht haben als ich mit 31. Die auf der Überholspur leben, das richtige studieren, ihre Freizeit strategisch richtig einsetzen, sich in die richtigen Netzwerke einknüpfen. Manchmal deprimiert mich das, auch wenn ich eigentlich glücklich bin, dort, wo ich bin, und weiss, wo ich noch hin möchte. In der aktuellen, ganz frischen Ausgabe gibt es jedoch genau dazu einen Artikel des VWL-Professors und Glücksforschers Mathias Binswanger: Er schreibt darüber, wie man mit dem ganz natürlichen Drang, sich mit anderen zu vergleichen, umgehen kann.
Meine These ist ja, dass die Perspektiven für Frauen in der Kirche ähnlich eingeschränkt sind und der Weg in eine Leitungsposition ähnlich schwierig wie für Frauen in der Wirtschaft. Deswegen lohnt es sich, in "Girl's Drive" und "Ladies Drive" zu stöbern, auch wenn die Werte und Lebenshaltungen manchmal anders sind als diejenigen, die Gott gibt. Jesus predigte, dass man genau so viel wert ist, wenn man in den Augen der Menschen ein Verlierer ist, wie wenn man eine Top-Karriere hinlegt. Trotzdem: Wer die Lust spürt, Ziele zu verfolgen, den Willen, die eigene Berufung zu leben, stetig dazu zu lernen und an sich zu arbeiten, könnte die beiden Frauenmagazine mögen.
Tipp: Anstatt die online zur Verfügung stehenden Artikel auf der Website von "Girl's Drive" zu lesen, sich für die PDF-Ausgabe registrieren. Ist viel gehaltvoller.
Montag, 22. Dezember 2014
Das boxende Schneewittchen: Aktuelle Artikel zum Thema
"Ach du Schreck, so viele Schneewittchen" (Anna Papathanasiou, "Christ & Welt" 53/2014)
"Schneewittchenfieber ist keine Bewegung. Vielmehr beobachte ich, dass die Frauen kapitulieren. Sie sehen keinen
Sinn darin, die Strapazen der sogenannten Doppelbelastung auf sich zu
nehmen, und bleiben lieber ganz zu Hause. Dort machen sie ihre Sache
dann perfekt."
Monika Rühl: "Das Potenzial bei den Frauen ist begrenzt" (Interview "Nordwestschweiz", 17.12.2014, Thomas Schlittler und Gieri Cavelty)
"Einen fundamentalen Wechsel wird es nicht geben – auch darum, weil das
Potenzial bei den Frauen begrenzt ist. Ich will keine Zwangsmassnahmen
für Frauen, die ihre Kinder selber betreuen möchten."
"Notable Women On This Thing Called Feminism" (Jill Di Donato, "Huffington Post", 21.11.2014)
"We need a feminism that isn't afraid to love. We need to be careful of
how we consume culture. We need to push back when we feel caged in as
women. (...) To me, these are feminism's goals. The following women
explain it better than I, and in greater detail. Even if you think this
message is familiar, read it again. Read what these women say, because
even though there are no new stories, some bear repeating."
"Boxende Theologie-Studentin kämpft für Frauen im Priesteramt" (Hans Fahrländer, "Schweiz am Sonntag", 23.11.2014)
"Nach einem Tiefschlag aufstehen und weitermachen: Die Theologiestudentin
Jacqueline Straub aus dem aargauischen Muri kämpft für die
Frauenordination. In 10 bis 15 Jahren will die heute 24-Jährige
Priesterin sein."
Mittwoch, 3. Dezember 2014
"Sind Frauen Menschen oder böse Tiere?"
Die erste Rabbinerin in der Schweiz, "Sind Frauen Menschen oder böse Tiere?", und das fehlende Frauenpriestertum: drei der Themen in der aktuellen Nummer der Zeitschrift "facultativ". Sie steht unter dem Titel "Frauen & Kirche" und kann gratis heruntergeladen werden, siehe hier. "Facultativ" ist die Zeitschrift der theologischen Fakultät der Universität Zürich.
Sonntag, 9. November 2014
Ich will raus aus der Schublade!
Schönes
Wochenende gehabt? Danke, ja, ich auch! Obwohl: Ich bin wieder mal in einer
Schublade gelandet. Ja, passiert mir hin und wieder. Diesmal war es ausgerechnet
eine von denen, die mir am unbequemsten sind: die Schublade „evangelikal“.
Wieder einmal ist ein langer Artikel in einer Sonntagszeitung erschienen, der
„die Freikirchen“ in ein schlechtes Licht und in die Nähe von Sekten rückt.
Grösster Kritikpunkt: konservative Werthaltungen. Zwar besagt die zitierte
Studie des Religionssoziologen Jörg Stolz bereits, dass es drei grobe
Richtungen innerhalb der Freikirchen gibt (charismatisch, klassisch,
konservativ). In die Schublade „evangelikal“ werden dann doch alle geworfen.
Also, weil Freikirchenbesuche zu meinem Glauben gehören, auch ich.
Ich mag die
Schublade nicht, weil sie für mich zu klein ist. Die Definition von
„evangelikal“ lautet „am Evangelium orientiert“, also kurz gesagt, „bibeltreu“.
Dass laut der Freikirchen-Studie nur die Hälfte der Mitglieder für eine
wortwörtliche Auslegung der Bibel plädieren, zeigt bereits, dass dieser Begriff
nicht pauschal verwendet werden dürfte.
Denn es
gibt sie, die Liberalen in den Freikirchen. Und obwohl die konservativ
Denkenden überwiegen, wird die Situation verzerrt, indem Medien genau
diejenigen Probleme zitieren, welche auch innerhalb der Kirchenmauern heiss
diskutiert werden. Kreationismus, ausserehelicher Sex und Homosexualität sind
die drei Diskussionen, auf welche man als Besucherin einer Freikirche am
meisten angesprochen wird – aber auch genau die Dinge, in welchen sich Gläubige
untereinander am wenigsten einig sind. Innerhalb der Freikirchen findet vielerorts
ein Diskurs statt über Punkte, in denen die traditionelle Auslegung der Bibel
mit der heutigen Lebenswelt am stärksten auseinanderklafft. In evangelikalen
Verbänden wird gerungen, wie das Wesen des christlichen Glaubens heute
interpretiert werden soll, ohne es zu verleugnen.
Ich wünsche
mir, dass diese Diskussion transparenter geführt wird. Dass kirchliche
Leitungspersonen zugeben können, dass sie oft überfordert sind mit ihrer
Aufgabe, das Christentum in der heutigen Zeit zu vertreten. Einer Zeit, wo manche
der jahrtausende alten Worte der Bibel irritieren – und zwar nicht positiv. Dass
Freikirchen es wagen würden, traditionelle Interpretationen zumindest zur
Diskussion zu stellen, wäre dringend nötig. Denn wenn sie gegen aussen mit
fixen Wertehaltungen auftreten, obwohl hinter den Kulissen die Diskussion
brodelt, schadet dies nicht nur dem Image. Es verärgert auch diejenigen in den
eigenen Reihen, die an der Diskrepanz zwischen Dogma und Lebenswelt verzweifeln.
Oder die mit guten Argumenten eine andere Meinung als die Kirche haben, aber in
der Öffentlichkeit nicht gehört werden.
Gäbe es
mehr Transparenz, würden die Besucherinnen und Besucher der Freikirchen
vielleicht weniger oft pauschal als konservativ, weltfremd und intolerant
abgestempelt. (Oder, dies ist mir persönlich manchmal nicht klar, als leichte
Beute, die man vor den bösen Predigern beschützen müsste...) „Freikirchlerinnen“
und „Freikirchler“ sind ganz normale Menschen. Die meisten durchaus intelligent
genug, für sich selber zu denken und ihre Meinung aus verschiedenen Quellen und
Inspirationen zu bilden. Ich wünschte mir, dass die Öffentlichkeit das mehr anerkennt - aber auch die Leitungsgremien der Freikirchen, damit Diskurse
geöffnet werden.
(Im angelsächsischen Raum
ist dies bereits geschehen: Shane Claybourne und Brian McLaren plädieren für grundlegend
andere Kirchenformen – beide auf unterschiedliche Weise. Die Sängerin Vicky
Beeching hat extra einen Master in Theologie gemacht, um festzustellen, dass
sich Homosexualität und Glaube nicht ausschliessen. Und der Pastor Rob Bell spaltet
mit seinen kontroversen Ansichten zu verschiedenen Themen die amerikanischen
Kirchen. So werden andere Ansichten als die traditionellen Überlieferungen
zumindest zur Diskussion gestellt. Für Menschen, die im Glauben einfache Antworten suchen, macht es dies nicht einfacher. Aber selber denken rules!)
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