Dienstag, 20. Januar 2015

Keiner da am Papitag

"Gleichberechtigung ist auch Männersache" - Mein Artikel für die Programmzeitschrift "antenne" von ERF Medien Schweiz, wo ich als Redaktorin für Radio Life Channel arbeite. Hier geht's zum Download der drei Magazin-Seiten als PDF.


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http://www.erf-medien.ch/de/Medienmagazin/2015/Februar/Gleichberechtigung-ist-auch-Maennersache




Keiner da am Papitag
Gleichberechtigung ist auch Männersache

Lohnungleichheit, die „gläserne Decke", sich entscheiden zwischen Beruf und Familie– beim Stichwort Gleichberechtigung wird meist an die Benachteiligung von Frauen gedacht. Dabei ist es auch ein Männerthema: Männer sind mitverantwortlich für Lösungen; Gleichberechtigung kommt ihnen aber auch genauso zu Gute. Ein Plädoyer dafür, Schulter an Schulter für Chancengleichheit zu kämpfen.

Kürzlich im Restaurant, einer mit dezentem Chic umgebauten Industriehalle. Ich bin nach dem Gang auf die Toilette gerade dabei, mir die Hände zu waschen, als sich die Tür öffnet und ein Mann eintritt. Mein Blick muss ziemlich erstaunt sein, wenn nicht sogar schockiert, doch er reagiert total cool: Lächelt charmant, sagt „Hallo", geht an mir vorbei und zieht dabei dem Baby, das er auf dem Arm trägt, das heruntergerutschte Söckchen hoch. Wickeltisch nur auf der Damentoilette – für ihn offenbar nicht das erste Mal.

Die wenigsten Männer machen wohl den Gang auf die Damentoilette. Viel eher gehen in einer solchen Situation halt die Frauen das Baby wickeln. Von meinen männlichen WG-Mitbewohnern, beide sind Väter von zwei Kindern, habe ich schon einige solcher Stories gehört. Dass sie als junge Väter stärker unter Beobachtung stehen, ob sie die Erwartungen auch tatsächlich erfüllen können, und dass ihnen weniger zugetraut wird. Dass es schwierig ist, für den „Papitag" andere Väter zu finden, um zusammen in den Zoo zu gehen. Weil immer noch sehr viele Männer unter der Woche gar keinen solchen „ Papitag" haben, weil ihr Job kein Teilzeitpensum zulässt. Umgekehrt stellte eine Freundin kürzlich die These in den Raum, dass freiwillige Vollzeitmütter ihren Partnern etwas wegnehmen. „Diskriminierung" – das Wort scheint hier etwas übertrieben. Trotzdem: So richtig zufriedenstellend sind solche Situationen nicht.

Frauenquote, Lohngleichheit, flexible Arbeitszeitmodelle – meistens stehen in der Diskussion um Gleichberechtigung vor allem die Bereiche im Fokus, wo Frauen benachteiligt sind. Weil es dort lange Zeit grossen Aufholbedarf gab – und auch heute noch gibt. Ich bezeichne mich zwar als Feministin, weil ich mich dafür einsetze, dass Frauen nicht mehr länger die Flügel gestutzt werden. (Und dass sie sich das, nebenbei bemerkt, nicht immer wieder selber antun.) Mit diesem Anliegen kämpfe ich aber nicht gegen Männer, sondern ich wünsche mir vor allem eine Diskussion – mit beiden Geschlechtern. Denn Gleichberechtigung ist auch Männersache.

Einen Tag im Leben ein Mann sein

Der Nobelpreisträger und frühere anglikanische Erzbischof Desmond Tutu sagte einmal, wer angesichts von Ungerechtigkeit neutral bleibe, wähle die Seite des Unterdrückers. Der Kirchenmann aus Südafrika erzählte dazu noch eine kleine Geschichte: „Wenn ein Elefant auf dem Schwanz einer Maus steht und du sagst, du seist neutral, dann wird die Maus deine Neutralität nicht schätzen.“ Für Chancengleichheit sind Männer und Frauen verantwortlich. Und meistens kommt Gleichberechtigung sogar beiden zu gute, denn sie löst festgefahrene Rollenbilder auf. Auch für die Männer.

Wie gerne würde ich mal einen Tag lang in die Haut eines Mannes schlüpfen! Es gibt so vieles, worauf ich neugierig wäre. Mal abgesehen von den naheliegendsten, sagen wir mal, Handlungen, nehmt ihr Männer die Welt bestimmt ganz anders wahr als Frauen. Ist es wirklich so, dass ihr Männer nie kalt habt? Wie ist es, eine tiefe Stimme zu haben, vibriert einem da irgendwie der Schädel beim Sprechen? Kitzelt das? Und dann das Rasieren! Ich verrate Ihnen jetzt mal ein Geheimnis: Ein Mann, der sich gerade rasiert, so richtig mit duftendem Schaum und scharfen Klingen, wirkt unglaublich attraktiv. Einmal im Leben ein Mann sein, sich ausgiebig über den Bart streichen und sich diesen dann abrasieren – was wäre das für ein Erlebnis!

Gerne wäre ich auch einmal ein Mann in der Arbeitswelt: Eine ganz andere Welt für Männer und Frauen. Als Mann, hört man immer wieder, muss man sich durchsetzen. Manchmal auch mit harten Bandagen, je höher man auf der Karriereleiter steigt. Viele Frauen wollen sich das nicht antun, rücksichtslos andere aushebeln. Auch das kann man nicht pauschalisieren – doch im Kern ist es Realität. Die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, hat zu diesem Thema das Buch geschrieben „Lean In: Women, Work, and the Will to Lead" („Frauen und der Wille zum Erfolg", deutsche Ausgabe Econ Verlag, 2013 --> Blog-Eintrag dazu). Es fasst Erlebnisse zusammen, die Sheryl Sandberg selber in ihrer Karriere gemacht hat, und sie gibt daraus Tipps, wie sich Frauen verhalten sollten, um beruflich vorwärts zu kommen. Nur ein Beispiel: Von einer Frau wird unbewusst erwartet, dass sie nett ist. Wenn eine Frau sich also durchsetzen will, sollte sie hart verhandeln, aber dabei ein Lächeln aufsetzen. Fazit des Buches „Lean in“: Eine Frau kann beruflich genauso weit kommen wie ein Mann, sie muss es aber viel mehr wollen. Ich bin noch nie an diese Grenze gestossen, begegne dieser Situation aber immer wieder im Zusammenhang mit Freikirchen: Dort ist der Weg für Frauen in leitende Positionen nicht durch Hürden erschwert, sondern wird ihnen mit Barrieren versperrt. Diese Chancenungleichheit einfach hinzunehmen – das kommt für mich nicht in Frage.

Auch männliche Rollen ändern sich

In der Gesellschaft ist die Situation ähnlich, wenn ein Elternpaar nicht die traditionelle Rollenverteilung wählt. Vollzeitväter sind immer noch weniger akzeptiert, es haftet ihnen das Stigma des beruflichen Versagers an. Auch für Männer lohnt es sich also, für Gleichberechtigung einzustehen. Lohngleichzeit zum Beispiel würde bedeuten, dass die Entscheidung, wer wie viel arbeiten geht und wer mehr für die Kinder da ist, nicht mehr von den Finanzen abhängt. Denken Firmen eher quer und lassen flexible Arbeitsmodelle zu, dann steigt die Akzeptanz von Teilzeitarbeit. Auch für Männer, welche nicht „nur Ernährer", sondern als Vater im Alltag der Kinder präsent sein möchten. Und umgekehrt: Wenn Frauen sich auch in den höheren Etagen der Geschäftswelt etablieren, heisst das, dass auch dort nicht mehr das traditionelle Rollenverhalten zählt. Dass es auf das Geschlecht irgendwann gar nicht mehr ankommt – auch nicht im Sinne einer Quote. Dass man sich weniger mit (männlich konnotierter) Rücksichtslosigkeit durchsetzen muss.

Weniger festgefahrene Rollen, das heisst, dass sich der Einzelne besser entfalten kann. Weniger Entweder-Oder, mehr Lebensqualität. Dass man sich flexibler an die Bedürfnisse der Familie und des Partners anpassen kann. Und nicht zuletzt: Es bedeutet alternative Vorbilder für die kommenden Generationen.

Frauen und Männer sind und bleiben unterschiedlich – zum Glück! Aber vieles, was heute gelebt wird, hat nichts mit dem Geschlecht und biologischer Notwendigkeit zu tun, sondern mit traditionellen Rollenbildern. Wenn diese gesprengt werden, ist das keine Abschwächung der natürlichen Eigenschaften und persönlichen Wesenszüge als Mann und Frau. Im Gegenteil: Gleichberechtigung bedeutet Freiheit, sich zu entdecken und seinen Charakter zu leben, seine Träume zu verwirklichen, sein Leben zu gestalten.

Evelyne Baumberger ist Redaktorin bei Radio Life Channel. Privat bloggt sie zum Thema „Frauen und Kirche" auf www.feminism-OMG.ch .

Montag, 22. Dezember 2014

Das boxende Schneewittchen: Aktuelle Artikel zum Thema

"Ach du Schreck, so viele Schneewittchen" (Anna Papathanasiou, "Christ & Welt" 53/2014)
"Schneewittchenfieber ist keine Bewegung. Vielmehr beobachte ich, dass die Frauen kapitulieren. Sie sehen keinen Sinn darin, die Strapazen der sogenannten Doppelbelastung auf sich zu nehmen, und bleiben lieber ganz zu Hause. Dort machen sie ihre Sache dann perfekt."

Monika Rühl: "Das Potenzial bei den Frauen ist begrenzt" (Interview "Nordwestschweiz", 17.12.2014, Thomas Schlittler und Gieri Cavelty)
"Einen fundamentalen Wechsel wird es nicht geben – auch darum, weil das Potenzial bei den Frauen begrenzt ist. Ich will keine Zwangsmassnahmen für Frauen, die ihre Kinder selber betreuen möchten."

"Notable Women On This Thing Called Feminism" (Jill Di Donato, "Huffington Post", 21.11.2014)
"We need a feminism that isn't afraid to love. We need to be careful of how we consume culture. We need to push back when we feel caged in as women. (...)  To me, these are feminism's goals. The following women explain it better than I, and in greater detail. Even if you think this message is familiar, read it again. Read what these women say, because even though there are no new stories, some bear repeating."

"Boxende Theologie-Studentin kämpft für Frauen im Priesteramt" (Hans Fahrländer, "Schweiz am Sonntag", 23.11.2014)
"Nach einem Tiefschlag aufstehen und weitermachen: Die Theologiestudentin Jacqueline Straub aus dem aargauischen Muri kämpft für die Frauenordination. In 10 bis 15 Jahren will die heute 24-Jährige Priesterin sein."

Sonntag, 7. Dezember 2014

Das "Shabby-Chic"-Biotop


Sie haben's schon wieder getan. "Studientage für dich und deine Kirche", heisst es in der Ausschreibung des neusten freikirchlichen Events in der Schweiz. Wohl vorausgesetzt, "deiner Kirche" sind Frauen egal. 

Als ich diese Woche das Programm der Konferenz "Elevate 2015" mit der rein männlichen Speakerliste sah, bin ich ziemlich wütend rüber ins Büro meiner Redaktionskollegen gestampft. "Ich darf ja dieses Thema wegen Befangenheit nicht mehr machen", sagte ich ihnen, "aber würde BITTE jemand von euch einen Beitrag darüber machen? Das. Geht. Einfach. Nicht.

Zurück an meinem Schreibtisch versuchte ich, meinen Ärger zu drosseln und das Beste aus der Situation zu machen: Ich schlug der SEA (Schweizerische Evangelische Allianz) per Mail vor, eine Frauenbeauftragte einzustellen. Denn offenbar geht es nicht ohne. Es steckt kein böser Wille hinter dem Problem (meistens zumindest), sondern blosse Ignoranz: Den meisten christlichen Leitungsgremien fehlt das Bewusstsein für Chancengleichheit.

Mit solchen Events raubt man(n) Frauen Chancen. Es geht nicht um die Einzelveranstaltung, sondern um eine grössere Perspektive: Rednerinnen und Redner sind die "Stars" der Szene, die Inspiratorinnen und Visonäre. Und ihre Namen ziehen Publikum an. Es ist wie bei den Bands an Festivals: Wer einmal gut war und das Publikum mitreissen konnte, wird wieder eingeladen. Nicht nur dort, auch von anderen. Wenn keine Frauen auftreten, ist dies also gleich doppelt fatal: Erstens, weil der betreffenden Konferenz dann etwas fehlt und zweitens, weil keine neue Frau in diesen "Zirkus" der christlichen Speaker eingebracht wurde. 

Damit stellen sich zwei Fragen.

1. Warum ist man da nicht schon viel weiter? 

Und 2. Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? 


Warum ist es noch nicht normal, dass an christlichen Konferenzen Frauen sprechen und predigen? Mein Redaktionskollege, der sich des Themas angenommen hat, bemerkte, dass die meisten Frauen das offenbar selber gar nicht vermissen. Deswegen geht auch niemand auf die Barrikaden, und deshalb geht der Wandel auch so langsam. Obwohl Frauen mehr als die Hälfte der Kirchenmitglieder ausmachen, leben sie in einer Art Biotop. Ein Biotop, an dessen Eingang ein Schild "Wohlfühlen und Auftanken" hängt, liebevoll in trendy "Shabby Chic"-Stil dekoriert ist und wo man Chai-Tee trinkt und vielleicht hin und wieder einen Hugo. Wenn der Mann an einem Abend mal die Kinder übernimmt; er isch jo so en Guete. Innerhalb dieses Biotops gibt es reichlich Vorbilder und bewundernswerte Frauen. 

Frauen wie Lisa Bevere, Autorin von Büchern wie "Lioness: Arise!" und "Girls With Swords"; zum Beispiel. Die eigentlich eine kämpferische, motivierende Message beinhalten und im Frauen-Biotop auf fruchtbaren Boden fallen, viel gelesen werden, aber wohl auch innerhalb dieses Biotops bleiben. Denn immer ist das Frau-Sein das zentrale Thema. "Was ist meine Rolle?" - "Was ist meine Berufung?" Solange es dieses "Shabby-Chic"-Biotop noch gibt und Frauen sich so absondern, geht es nicht um übergeschlechtliche Inhalte. Und Männer merken nicht, dass Frauen auch zu frauenunabhängigen Themen valable Speaker sind. 

Ich mag Frauenfrühstücke und Ladies Events. Und gerade für Mütter sind solche Anlässe wohl sowas wie Ausgang - erfrischend und eine Abwechslung. Es ist gemütlich, unter Frauen zu sein. Und das ist der Punkt - es ist zu gemütlich. Das Frauen-Biotop gehört abgeschafft. Denn solange es diesen geschützten Rahmen im grossen Stil gibt, schliessen wir uns selber von den Bühnen der geschlechter-übergreifenden Veranstaltungen aus.

Womit wir bei der zweiten Frage sind, die ganz einfach zu beantworten ist: Warum braucht es überhaupt Frauen auf christlichen Bühnen? Weil Frauen genauso etwas zu sagen haben wie Männer. Und, langfristiger gedacht: Weil junge Frauen Vorbilder brauchen, die ihnen zeigen, dass auch sie den Mund aufmachen dürfen und sollen. Und zwar nicht nur im Frauen-Biotop - auch vor einem gemischten Publikum.
 
Lisa Bevere war übrigens zusammen mit ihrem Mann Key Speaker an der ICF-Konferenz vor zwei Jahren - es geht also. Es gibt positive Beispiele, gerade bei progressiven Freikirchen. Auch deshalb war ich enttäuscht über das Line-Up von "Elevate 2015": Organisiert wird die Konferenz nämlich vom ICF, ICF College und ISTL, Institutionen, die gegen aussen progressiv und modern wirken.

Raus aus dem Biotop, Frauen. Und Männer: Kämpft mit uns mit für mehr Frauen auf christlichen Bühnen. Ich glaube, ihr hättet da gar nichts dagegen.

Kommentare sind sehr willkommen, hier (noch) bei Blogger aber etwas schwierig. Wenn's nicht geht, besser auf meiner Facebook-Seite, auf Twitter, Mail oder Kontaktformular links auf dieser Seite.

Update: Begründung von ICF zu den fehlenden Frauen im Programm von "Elevate15": 

"Wir haben im ICF grundsätzlich keine 'Frauenquote' sondern laden Speaker ein - egal ob Mann oder Frau - die zum jeweiligen Event und Thema passen. Es ist aber halt schon so, dass vor allem Männer in dieser Domäne vertreten sind (ist ja bei uns im Staff auch so). Ich denke mal, dass in christlichen Kreisen halt das 'traditionelle' Familienbild mit der Frau zu Hause bei den Kids überwiegt." (Nicolas Legler, Mediensprecher ICF)


Mittwoch, 3. Dezember 2014

"Sind Frauen Menschen oder böse Tiere?"

Die erste Rabbinerin in der Schweiz, "Sind Frauen Menschen oder böse Tiere?", und das fehlende Frauenpriestertum: drei der Themen in der aktuellen Nummer der Zeitschrift "facultativ". Sie steht unter dem Titel "Frauen & Kirche" und kann gratis heruntergeladen werden, siehe hier. "Facultativ" ist die Zeitschrift der theologischen Fakultät der Universität Zürich. 


http://www.theologie.uzh.ch/fakultaet/dienstleistungen/oeffentlichkeitsarbeit/facultativ_02_2014_web.pdf

Dienstag, 18. November 2014

Krieg und Frieden

Zwei weise Männer haben mich mit ihren Worten in der letzten Woche getroffen - und verunsichert. Zwei Gelehrte, Theologen - und Friedensstifter. 

Der eine ist Greg Boyd, amerikanischer Theologe. Ihn durfte ich dieses Jahr in einer Summer School live erleben und von ihm lernen. Und - natürlich - ein kurzes Interview mit ihm führen für Radio Life Channel. Als ich dieses heute wieder gehört und für einen Beitrag geschnitten habe, hat es mich berührt. Thema des Beitrags ist die tiefe Spaltung der Kirchen in den USA über Themen wie LGBT, Empfängnisverhütung, Sozialwesen, Frauenrechte, Aussenpolitik... Ich habe Greg gefragt, ob es wohl möglich sei, über diese Kluft noch eine Brücke zu bauen. Er sagte: "Ja, wenn wir uns statt auf Politik wieder auf die Dinge konzentrieren, welche Jesus uns aufgetragen hat: Menschen zu lieben, wie er sie liebte, und uns für sie aufzuopfern, wie er das getan hat." 

Der zweite Theologe war Peter Henning, der bei ERF Medien letzte Woche einen Vortrag hielt. Auch hier ging es um eine Kirchenspaltung: Um die Reformation, die nun bald 500 Jahre her ist. Peter Henning zeigte uns in groben Zügen die Vorgänge auf, die zur Reformation führten und dazu, dass die Diskussionsvorschläge von Martin Luther einschlugen wie eine Bombe. Und: Er stellte einige Thesen auf, was die Reformation für uns als Medienunternehmen - abgesehen von Themen für Beiträge - bedeuten könnte. Einer der Punkte war, dass er uns riet, uns nicht an Schlammschlachten zu beteiligen. Konstruktive Beiträge dazu zu leisten, dass sich die Kirche eint, statt nur mit dem journalistischen Finger auf Missstände zu zeigen. 

Frieden stiften, praktisch im Alltag helfen, das berührte mich. Ich dachte darüber nach, wie das bei mir aussieht - im täglichen Leben, wo es sicher für jede und jeden Herausforderungen gibt mit Menschen, die Hilfe nötig hätten. Aber auch mit diesem Blog. Ich hinterfrage mein Anliegen immer wieder selber. Was will ich mit "Feminism - OMG!"? Ungerechtigkeit aufzeigen? Alternativen, Argumente sammeln? Ist mein Herzblut zum Thema "Frauen in der Kirche" aufrichtig, setze ich damit Zeit und Energie für eine gute, wichtige Sache ein? Irgendwie komme ich für mich immer wieder auf ein Ja zu all diesen Fragen.

Aber da ist noch das Kämpfen. Kämpfen statt Frieden stiften. Argumente liefern, die Fronten genauso gut noch tiefer trennen, als vereinen können.

Ich bin immer noch am Nachdenken darüber. Heute gingen mir zwei Gedanken durch den Kopf: Auch Jesus war nicht ein Friedensstifter im harmonischen Sinne. Er besass einen starken Kampfgeist, in manchen Situationen Wut, die sich manchmal handfest äusserte, oft aber vor allem in scharfen Dialogen mit der damaligen gelehrten Elite, den Pharisäern.

Zweitens erinnerte ich mich an eine Bibelstelle aus dem Buch des Predigers.

"Alles hat seine bestimmte Stunde, und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit: Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit; (...) Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit; Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit; (...) Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit; Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit; Krieg hat seine Zeit, und Frieden hat seine Zeit." (Prediger 3, 1-8, Quelle: www.bibleserver.com)

Ich will weder Krieg, noch Töten oder Hassen, was alles in dieser Bibelstelle vorkommt. Es wäre heikel, diese Stelle jetzt auseinanderzunehmen. Aber nur die Idee: Vielleicht ist für mich die Zeit jetzt da, gegen die Hindernisse anzuschreiben, die Frauen oft in den Weg gestellt werden, wenn sie ihre Berufung (Epheser 4,11) ausleben möchten. Warum dieses Feuer so in mir glüht, dazu habe ich eine vage Vermutung. Wohin das aber führt? Keine Ahnung. Ich hoffe aber, dass "Feminism - OMG!" zum Frieden beiträgt, zu Gerechtigkeit. Damit Frauen und Männer Schulter an Schulter genau das tun können, wovon Greg Boyd sprach, als er im Interview vom Auftrag von Jesus erzählt, anstatt sich gegenseitig ein Bein zu stellen.

Sonntag, 9. November 2014

Ich will raus aus der Schublade!


Schönes Wochenende gehabt? Danke, ja, ich auch! Obwohl: Ich bin wieder mal in einer Schublade gelandet. Ja, passiert mir hin und wieder. Diesmal war es ausgerechnet eine von denen, die mir am unbequemsten sind: die Schublade „evangelikal“. Wieder einmal ist ein langer Artikel in einer Sonntagszeitung erschienen, der „die Freikirchen“ in ein schlechtes Licht und in die Nähe von Sekten rückt. Grösster Kritikpunkt: konservative Werthaltungen. Zwar besagt die zitierte Studie des Religionssoziologen Jörg Stolz bereits, dass es drei grobe Richtungen innerhalb der Freikirchen gibt (charismatisch, klassisch, konservativ). In die Schublade „evangelikal“ werden dann doch alle geworfen. Also, weil Freikirchenbesuche zu meinem Glauben gehören, auch ich.

Ich mag die Schublade nicht, weil sie für mich zu klein ist. Die Definition von „evangelikal“ lautet „am Evangelium orientiert“, also kurz gesagt, „bibeltreu“. Dass laut der Freikirchen-Studie nur die Hälfte der Mitglieder für eine wortwörtliche Auslegung der Bibel plädieren, zeigt bereits, dass dieser Begriff nicht pauschal verwendet werden dürfte.

Denn es gibt sie, die Liberalen in den Freikirchen. Und obwohl die konservativ Denkenden überwiegen, wird die Situation verzerrt, indem Medien genau diejenigen Probleme zitieren, welche auch innerhalb der Kirchenmauern heiss diskutiert werden. Kreationismus, ausserehelicher Sex und Homosexualität sind die drei Diskussionen, auf welche man als Besucherin einer Freikirche am meisten angesprochen wird – aber auch genau die Dinge, in welchen sich Gläubige untereinander am wenigsten einig sind. Innerhalb der Freikirchen findet vielerorts ein Diskurs statt über Punkte, in denen die traditionelle Auslegung der Bibel mit der heutigen Lebenswelt am stärksten auseinanderklafft. In evangelikalen Verbänden wird gerungen, wie das Wesen des christlichen Glaubens heute interpretiert werden soll, ohne es zu verleugnen.

Ich wünsche mir, dass diese Diskussion transparenter geführt wird. Dass kirchliche Leitungspersonen zugeben können, dass sie oft überfordert sind mit ihrer Aufgabe, das Christentum in der heutigen Zeit zu vertreten. Einer Zeit, wo manche der jahrtausende alten Worte der Bibel irritieren – und zwar nicht positiv. Dass Freikirchen es wagen würden, traditionelle Interpretationen zumindest zur Diskussion zu stellen, wäre dringend nötig. Denn wenn sie gegen aussen mit fixen Wertehaltungen auftreten, obwohl hinter den Kulissen die Diskussion brodelt, schadet dies nicht nur dem Image. Es verärgert auch diejenigen in den eigenen Reihen, die an der Diskrepanz zwischen Dogma und Lebenswelt verzweifeln. Oder die mit guten Argumenten eine andere Meinung als die Kirche haben, aber in der Öffentlichkeit nicht gehört werden.

Gäbe es mehr Transparenz, würden die Besucherinnen und Besucher der Freikirchen vielleicht weniger oft pauschal als konservativ, weltfremd und intolerant abgestempelt. (Oder, dies ist mir persönlich manchmal nicht klar, als leichte Beute, die man vor den bösen Predigern beschützen müsste...) „Freikirchlerinnen“ und „Freikirchler“ sind ganz normale Menschen. Die meisten durchaus intelligent genug, für sich selber zu denken und ihre Meinung aus verschiedenen Quellen und Inspirationen zu bilden. Ich wünschte mir, dass die Öffentlichkeit das mehr anerkennt - aber auch die Leitungsgremien der Freikirchen, damit Diskurse geöffnet werden.



(Im angelsächsischen Raum ist dies bereits geschehen: Shane Claybourne und Brian McLaren plädieren für grundlegend andere Kirchenformen – beide auf unterschiedliche Weise. Die Sängerin Vicky Beeching hat extra einen Master in Theologie gemacht, um festzustellen, dass sich Homosexualität und Glaube nicht ausschliessen. Und der Pastor Rob Bell spaltet mit seinen kontroversen Ansichten zu verschiedenen Themen die amerikanischen Kirchen. So werden andere Ansichten als die traditionellen Überlieferungen zumindest zur Diskussion gestellt. Für Menschen, die im Glauben einfache Antworten suchen, macht es dies nicht einfacher. Aber selber denken rules!)

Sonntag, 2. November 2014

Tania Harris: Leben in Kommunikation mit Gott


Heute habe ich eines meiner Vorbilder getroffen: die Australierin Tania Harris. 
Quelle: godconversations.com
Tania spürte Anfang 20 den grossen Wunsch, Gottes Stimme deutlich zu hören und herauszufinden, wie er zu Menschen redet. Auf ihrer persönlichen Reise hat sie dazu so viele Erfahrungen gemacht und so viel gelernt, dass sie vor einigen Jahren die Arbeit „God Conversations“ gründete. Ihr Ziel ist es, Menschen zu sagen, dass Gott heute noch spricht, und ihnen zu helfen, Gottes Stimme zu hören und zu verstehen.
In ihrem Podcast habe ich in den letzten zwei Jahren viel gelernt. Da ich oft und lebhaft träume und mich oft auch gut an meine Träume erinnere, hat mich auch ihr Hörbuch Awaken your dreams sehr angesprochen. Manchmal gibt es Träume, die anders sind, bei denen man merkt, dass darin etwas Hilfreiches für das eigene Leben verborgen liegt. Tania hat eine Art „Werkzeug“ entwickelt, mit denen man solche Träume ohne jeden Hokuspokus interpretieren kann. Im Moment geht sie in ihrem Podcast auf das letzte Buch der Bibel ein: die Offenbarung. Und da Johannes diese Vision als eine Art Traum hatte, geht sie die Offenbarung mit genau dem gleichen „Werkzeug“ an wie in „Awaken your dreams“. Eine theologische Vorgehensweise, die mich sehr fasziniert und in ihrer Unerschrockenheit angesichts dieses mysteriösen und umstrittenen Buches überzeugt.
Tania hat in ihrem Leben gelernt, auf Gott zu hören und im Vertrauen Schritte zu gehen, die zuerst absurd erscheinen. Aufgewachsen ist sie in einer sehr konservativen christlichen Gemeinschaft und war schockiert, als etwas später ihre neue Gemeinde eine Frau als Pastorin anstellte. Damit wurde sie auf ihre eigene Berufung als Pastorin vorbereitet. Heute ist neben den „God Conversations“ auch die Ermutigung von Frauen in leitenden Positionen bzw. auf dem Weg dorthin ein wichtiges Thema für sie. Tanias Geschichte, die sie in einer Folge ihres Podcasts erzählt hat, war für mich einer der Anstösse, „Feminism OMG“ zu starten.  
Mit ihrem Mut, ihrer Autorität, Intelligenz, ihrer Femininität und positiven Ausstrahlung ist sie für mich ein grosses Vorbild. Ein Vorbild, die eigene Berufung herauszufinden und ihr entlang der persönlichen Freundschaft mit Gott nachzugehen. Es war schön, Tania Harris heute im Rahmen einer Predigt in der GVC Uster persönlich zu treffen und mit ihr auszutauschen!